Antisemitismusbericht 2020 zeigt Höchststand von Übergriffen

Noch nie zuvor wurden in den vergangenen 20 Jahren so viele judenfeindliche Übergriffe gemeldet wie 2020. Die Corona-Demos haben dazu beigetragen, zeigt der aktuelle Antisemitismusbericht.

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Nach dem Angriff auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz, Elie Rosen, gab es Solidaritätskundgebungen vor der Synagoge.
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Von Serdar Sahin

Wien – Auch mehr als 75 Jahre nach der Schoah sind Jüdinnen und Juden in Österreich mit Antisemitismus konfrontiert. Beleidigungen, Drohungen, Vandalismus sowie physische Angriffe machen ein sorgenfreies jüdisches Leben hierzulande unmöglich. Dieser alarmierende Befund geht aus dem Antisemitismusbericht 2020 hervor.

Demnach wurden im vergangenen Jahr der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) 585 antisemitische Vorfälle gemeldet – gegenüber 2019 ist das ein Anstieg um 6,4 Prozent (550 Vorfälle). Gleichzeitig ist das ein trauriger Rekordwert. Seit Beginn der Dokumentation vor 19 Jahren wurden noch nie so viele judenfeindliche Übergriffe gemeldet wie im Vorjahr. „Dabei beinhaltet der Bericht ausschließlich gemeldete Vorfälle, die von unseren Expertinnen und Experten verifiziert wurden. Es ist von einer hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Vorfälle auszugehen“, schreibt IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele in dem Bericht.

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Antisemitismus ist vielschichtig, im Umfeld dagegen aufstehen

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, erklärt, dass „speziell im Internet und auf vielen Demos wüste antisemitische Lügen verbreitet wurden“. Antisemitismus sei aber vielschichtig, sagt Deutsch. Sein Appell: „Wichtig ist, dass man nicht nur auf den Antisemitismus der anderen zeigt, sondern in seinem eigenen Umfeld dagegen aufsteht, sei es im Internet, im Stadion, in der Straßenbahn oder auf einer Demonstration.“

Wie vielschichtig Antisemitismus ist, zeigt der Bericht. Von den 585 Vorfällen waren elf physische Angriffe – um fünf mehr als im Jahr davor. 22 Bedrohungen wurden gemeldet – 2019 waren es 18. In 53 Fällen handelte es sich um Sachbeschädigung (2019: 78 Vorfälle). Gesunken ist auch die Zahl der einschlägigen Massenzuschriften von 209 auf 135. Deutlich mehr gemeldete Fälle gab es von verletzendem Verhalten – ein Anstieg von 239 auf 364 –, darunter fallen antisemitische Beschimpfungen, Äußerungen, Kommentare und Botschaften in verbaler oder schriftlicher Form. 195 der antisemitischen Handlungen konnten keinem ideologischen Hintergrund zugeordnet werden. 229 haben einen rechten, 87 einen linken und 74 einen islamischen Hintergrund, heißt es in dem Bericht.

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Meldeformular und Proteste führten zu Anstieg ab November

Im Jahresverlauf zeigt sich, dass viel mehr antisemitische Übergriffe gegen Ende des Jahres gemeldet wurden als davor. Der starke Anstieg ab November wird auf zwei Faktoren zurückgeführt. In der ersten Novemberhälfte wurde der Online-Auftritt der Antisemitismus-Meldestelle präsentiert – inklusive Meldeformular. „Diese gesteigerte öffentliche Aktivität führte auch zu einer spürbar erhöhten Nutzung unserer Kontaktmöglichkeiten, einschließlich des bisherigen Angebots via Telefon und E-Mail“, heißt es im Bericht. Zudem habe „auch das rund um diesen Zeitpunkt herum bemerkbare Wiederaufflammen der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen zu einem markanten Anstieg der Anzahl einschlägiger Vorfälle geführt.“ Verwiesen wird darauf, dass Pandemien und deren Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden eine sehr weitreichende wie tragische Geschichte haben. „Sind Krisenzeiten bzw. Zeiten des rapiden Umbruchs generell ein Katalysator für Judenfeindlichkeit, so kommen bei Pandemie verschärfende Faktoren hinzu“, wird konstatiert. Die hier „weiterhin gängigste Spielform dieser Art von Antisemitismus“ sei der mechanisch-reflexive Verweis auf tatsächlich oder vermeintlich jüdische Personen.

Oskar Deutsch
© APA/Hochmuth

Der größte Teil judenfeindlicher Übergriffe ist auf persönliche Wahrnehmung zurückzuführen (175). Soziale Netzwerke sind mit 135 Vorfällen vertreten. 124 Vorfälle wiederum fanden sich bei Kommentaren im Online-Bereich. 112-mal wurden E-Mails mit antisemitischen Inhalten beziehungsweise einschlägigen Adressaten registriert. Antisemitismus in Briefform gab es 33-mal. Antisemitische Telefonanrufe und Zeitungsartikel sind mit je drei Fällen vertreten.

Unsere Antwort auf Antisemitismus ist noch mehr jüdisches Leben, selbstbewusst und in der Mitte der Gesellschaft.
Oskar Deutsch (IKG-Präsident)

In dem Bericht werden auch Beispiele für antisemitische Übergriffe angeführt. Der bekannteste Fall ist jener des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz, Elie Rosen. Er wurde im August von einem syrischen Flüchtling tätlich angegriffen.

IKG-Präsident Deutsch will sich trotz der negativen Entwicklungen nicht einschüchtern lassen: „Unsere Antwort auf Antisemitismus ist noch mehr jüdisches Leben, selbstbewusst und in der Mitte der Gesellschaft.“


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