Corona-Winter: Um zwei Drittel weniger Unfälle auf Österreichs Bergen

Weniger Unfälle auf den Pisten, dafür mehr im Gelände – die Corona-Pandemie hat markante Spuren im alpinen Unfallgeschehen hinterlassen. Insgesamt gab es signifikant weniger Unfallereignisse, Verletzte und Todesopfer. Die aktuelle Statistik hält aber auch Überraschendes parat.

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© argonaut.pro

Innsbruck, Wien – Der vergangene Winter war in mehrerlei Hinsicht besonders. "Auf der Alm, da gibt's koa Sünd" stimmt seit gut einem Jahr nicht mehr. Touristen konnten praktisch den ganzen Winter nicht auf die Piste, Skigebiete mussten sich an strenge Auflagen halten oder sperrten aufgrund der negativen wirtschaftlichen Aussichten erst gar nicht auf. Das Freizeitverhalten der Einheimischen veränderte sich stark, Skitouren im freien Gelände boomten. Das spiegelt sich auch in der Zahl der Alpinunfälle wider. Das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) veröffentlichte am Dienstag die von der Alpinpolizei erhobenen Daten im Zeitraum von 1. November bis 18. April.

Im Winter 2021/21 sank die Zahl der Unfallereignisse sowie die Zahl der dabei beteiligten Personen im Vergleich zum Zehn-Jahresmittel um etwa zwei Drittel: Knapp 2000 Unfälle waren es in dieser Saison, circa 5100 sind es im langjährigen Mittel. Mit gut 2500 Verunfallten gab es um 5600 weniger als im Vergleich zum langjährigen Mittel – dabei werden Tote, Verletzte und Unverletzte zusammengerechnet. Die Zahl der Toten sank im Vergleich dazu aber nur um etwa ein Drittel. 88 Personen verloren in diesem Winter am Berg ihr Leben, durchschnittlich sind es 122 Tote.

In Tirol sank die Anzahl der Unfälle und Verunfallten ähnlich stark. Aber nach wie vor führt das Bundesland – wie in den Jahren zuvor – die Statistik der Unfälle, Verunfallten und Todesopfer an. Nur bei den den Rodelunfällen gab es in diesem Winter erstmals mehr Verletzte in Niederösterreich.

Alpine Unfallereignisse in Österreich nach Bundesländern (01.11.2020 - 18.04.2021 & Mittel 10 Jahre)
© Kuratorium für Alpine Sicherheit

Dabei zeigte sich in diesem Winter ein sehr unterschiedliches Bild, wo die Unfälle genau passierten:

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Ruhige Pisten

Im organisierten Skiraum wurden vor allem abseits von Städten bzw. urbanen Einzugsgebieten deutlich weniger Skifahrer und Wintersportler verzeichnet. Insgesamt verunfallten auf der Piste in ganz Österreich 703 Personen, ein Viertel davon in Tirol. Das ist nur ein Bruchteil von dem, was in einem durchschnittlichen Winter auf Österreichs Pisten passiert: Knapp über 6000 Personen werden sonst in Unfälle verwickelt. Die Anzahl der Todesfälle auf Skipisten sank auf ein Sechstel des 10-Jahresmittels.

Nachvollziehbar ist auch, dass in dieser Saison hauptsächlich Österreicher verunfallten. In einem normalen Winter sind es nur gut ein Viertel.

Auf der Piste ging es vergleichsweise ruhig zu. Es gab viel weniger Unfälle, Verunfallte und Tote im Vergleich zu den letzten Jahren.
© ÖBRD

Ein ruhiger Winter war es deshalb aber nicht, erklärt Stefan Hochstaffl, Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes: „Die Anzahl der tödlichen Alpinunfälle ist zwar rückläufig, für die 13.000 freiwilligen und im Ehrenamt tätigen Bergretterinnen und Bergretter war es dennoch ein besonders herausfordernder Winter. Jeder einzelne Einsatz und jede einzelne Hilfeleistung stellte uns bezüglich der COVID-19 Schutzmaßnahmen vor eine besondere Herausforderung."

Viele Einsätze im Gelände

In der vergangenen Winterperiode sind viele Bergsportler von Skigebieten in die Tourengebiete ausgewichen. Bei den Zahlen für das freie Gelände zeichnet sich demnach ein anderes Bild als auf der Piste. Genau 652 Verunfallte gab es in diesem Winter. Der Durchschnitt der letzten zehn Jahre liegt mit knapp 500 Personen deutlich darunter. Die Zahl der tödlich verunglückten Personen ist vergleichbar mit der der letzten Jahre: 18 Tote gab es diesen Winter abseits der Pisten, durchschnittlich ist es nur einer mehr. Der eingeschränkte Pistenbetrieb bzw. teilweise geschlossene Pisten waren vermutlich ein Mitgrund für den diesjährigen Skitouren-Hype.

Was dazu kommt: Viele Skitourengeher, speziell Anfänger, haben eine schlechte Selbsteinschätzung und zu wenige Kenntnisse, was Schneeverhältnisse, Ausrüstung und Routenwahl betrifft. Dafür spricht auch eine Steigerung der Sucheinsätze nach abgängigen Personen: Dieser Anteil ist vom langjährigen Mittel von 3 Prozent auf 8 Prozent gestiegen. Hauptursache für die Sucheinsätze waren Orientierungsprobleme, wodurch Personen und Gruppen an kurzen Wintertagen in die Dunkelheit gerieten und einen Notruf absetzten oder als abgängig gemeldet wurden.

Bergretter beim Sucheinsatz
© ÖBRD

Weniger Lawinentote

14 Tote sind in Österreich durch Lawinen im Zeitraum vom 1.11.2020 bis 18.04.2021 ums Leben gekommen, davon acht in Tirol. Zwölf verunglückten während einer Skitour, zwei bei Variantenfahrten. Die Zahl der Lawinenopfer war niedriger als im vorangegangenen Jahr und relativ deutlich unter dem langjährigen Schnitt – obwohl mehr Skitourengeher als je zuvor im Gelände unterwegs waren.

Das hat mehrere Gründe, sagt Hans Ebner, der Leiter der Alpinpolizei: "Die durch den Lockdown viel geringere Anzahl von Variantenfahrern dieses Winters ist ein Grund dafür. Wir wissen aus den vergangenen Jahren aber auch, dass eine geringere Zahl an Lawinentoten weniger mit dem geänderten Verhalten der Tourengeher zu tun hat, sondern mehr mit den Witterungsverhältnissen und dem Schneedeckaufbau."

Grundsätzlich appellieren die Experten an die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen. Eine vernünftige Selbsteinschätzung und Tourenauswahl sowie das Einholen aktueller Informationen sollen Unfälle am Berg auch zukünftig minimieren. (TT.com/foidi)


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