Jedes vierte Kind von Gewalt betroffen: Land Tirol startet Kampagne

Von psychischer Gewalt über die „g'sunde Watschn" bis hin zu drastischen Mitteln in der Erziehung. Seit 30 Jahren ist das Gewaltverbot gesetzlich verankert. Dennoch leiden österreichweit bis zu 25 Prozent der sechs bis 14-Jährigen unter irgendeiner Form der Gewalt in der Erziehung. Das Land Tirol will mit einer Kampagne sensibilisieren.

  • Artikel
  • Diskussion
Nach wie vor sind viele Kinder allen möglichen Formen der Gewalt ausgesetzt.
© Maurizio Gambarini

Innsbruck – Nur 50 Prozent empfinden eine gewaltfreie Erziehung als ideale Erziehungsform. Etwas mehr als ein Fünftel kann sich eine Erziehung ohne zumindest leichte körperliche Bestrafungen nicht vorstellen und etwa ebenso viele sind der Meinung, dass auch manchmal drastische Mittel eingesetzt werden müssen. Das ergab eine repräsentative Befragung der Möwe-Kinderschutzzentren 30 Jahre nach der gesetzlichen Verankerung des Gewaltverbots.

„Diese Zahlen machen uns bewusst, dass Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nicht fernab unserer Lebensrealität passiert“, betont die zuständige Landesrätin Gabriele Fischer: „Gewalt geht gar nicht – umso verwerflicher ist es, wenn jene betroffen sind, die besonderen Schutz bräuchten, weil sie sich nicht wehren können." Sie verweist auf das Beratungs- und Unterstützungsangebot des Landes: Beratungsstellen wie Erziehungsberatung, Kinderschutzzentren, das Kriseninterventionszentrum KIZ, Chill out, bis hin zur Kinder- und Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendanwaltschaft bieten Angebote für Betroffene.

Gewalt hat Folgen

Die Dunkelziffer ist relativ hoch, doch bezieht man alle Formen der Gewalt mit ein, so ist laut einer Studie jedes vierte Kind in irgendeiner Weise von Gewalt betroffen. Demnach leiden österreichweit bis zu 25 Prozent der sechs bis 14-Jährigen unter irgendeiner Form der Gewalt in der Erziehung. „Ob direkte physische, psychische oder sexualisierte Gewalt, aber auch das unmittelbare Miterleben von Gewalt an Familienangehörigen oder Schulkolleginnen und Schulkollegen – jegliche Form der Gewalt hinterlässt tiefe Spuren im Leben“, betont Fischer.

Landesrätin Gabriele Fischer präsentiert die neue Kampagne.
© Land Tirol/Sidon

Eine breit angelegte und langfristige Kampagne soll auf dieses Thema aufmerksam machen. Das Hinschauen bei Anzeichen von Gewalt und das Bewusstmachen der eigenen Verantwortung müsse laut Fischer verstärkt werden. Das Land Tirol will das in den nächsten Monaten mit einer Kampagne stärken.

E-Bike und 10 x € 300,- Sportgutscheine gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren. Der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

„Auf Plakaten sowie in Radio- und Kinospots wird aufgezeigt, dass Gewalt gegen Kinder tagtäglich in unserem eigenen, direkten Lebensumfeld stattfindet. Gleichzeitig wird auf die Unterstützungs- und Beratungsangebote aufmerksam gemacht. Wir wollen das Thema sichtbar machen und für den Schutz von Kindern eintreten“, skizziert Ines Bürger, Vorständin der Abteilung Gesellschaft und Arbeit, die Inhalte der Kampagne.

Eine „g'sunde Watschn" ist nicht g'sund

„Unsere tagtägliche Arbeit zeigt: Trotz der gesetzlichen Verankerung des Gewaltverbots in der Erziehung ist die sogenannte ‚g‘sunde Watsch‘n‘ immer noch nicht aus den Köpfen verschwunden“, sagt Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser. Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, ist der Druck auf Familien zusätzlich gestiegen und somit auch die Gefahr für Kinder, Gewalt ausgesetzt zu sein. „Genau jetzt müssen wir noch mehr auf das Kindeswohl schauen“, fährt Harasser fort. Kinder und Jugendliche können sich jedenfalls vertrauensvoll an die Kinder- und Jugendanwaltschaft wenden, wenn sie Hilfe brauchen.

Laut der Vorständin der Abteilung für Kinder- und Jugendhilfe des Landes Tirol, Silvia Rass-Schell, seien bestimmte Berufsgruppen wie Ärzte oder Lehrer verpflichtet, einen Verdacht oder Anzeichen von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung der Kinder- und Jugendhilfe im Bezirk zu melden. Diese überprüft meist durch persönliche Kontakte mit Kindern und Eltern, durch Hausbesuche und bei Bedarf anhand der Wahrnehmungen von Lehrpersonen und Ärzten die Situation in der gemeldeten Familie. Unter vier Augen wird schließlich entschieden, ob der Schutz des Kindes sichergestellt ist oder ob Hilfe notwendig ist. Ist zweiteres der Fall, werden sowohl Kinder und Jugendliche als auch Familien bei der Suche nach Lösungen miteinbezogen. "Nur gemeinsame Entscheidungen sind tatsächlich mittel- und langfristig wirksam", sagt Rass-Schell. (TT.com)


Kommentieren


Schlagworte