Petrus Canisius: Schillernder Diözesanpatron feiert 500. Geburtstag

Petrus Canisius prägte die katholische Welt und Tirol, ist heute aber fast vergessen. Ein neues Buch zeigt ihn als Wanderer zwischen den Welten.

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Innsbrucks Diözesanpatron Petrus Canisius auf einem Kupferstich um 1600.

Innsbruck – Er war eine Berühmtheit seiner Zeit: Gegenreformator und erster deutscher Jesuit, Kirchenlehrer und Bestsellerautor. Der von ihm verfasste Katechismus ist mit unfassbaren 1179 Auflagen (mindestens!) das meistgelesene katholische (Lehr-)Buch der letzten 500 Jahre. Die 1964 gegründete Diözese Innsbruck kürte ihn zu ihrem Schutzpatron – und feiert ihn heuer mit einem vielfältigen Programm unter dem Motto „500 Herzfeuer“. Und doch ist Petrus Canisius (1521–1597), dessen Geburtstag sich am 8. Mai zum 500. Mal jährt, heute „absurderweise kaum noch bekannt“, wie der Innsbrucker Theologe und Historiker Matthias Moosbrugger meint.

Starprediger und Bestsellerautor, Gegenreformator und Theoretiker der Hexenverfolgung: Petrus Canisius hatte viele Gesichter.
© Wikimedia Commons

Sein äußerst lesenswertes neues Canisius-Buch (Tyrolia-Verlag) richtet sich nicht nur an religiös, sondern auch an historisch Interessierte: Anhand des „unglaublich spannenden Lebens“ von Canisius lasse sich das gesamte 16. Jahrhundert, eine höchst dramatisch-dynamische Zeit, die eigentlich als „Reformationsjahrhundert“ gilt (Stichwort: Luther, Calvin, Zwingli), aus einer anderen Perspektive aufschlüsseln: der Perspektive eines Mannes, der alles dafür tat, das scheinbar sinkende Schiff katholische Kirche wieder flottzumachen.

„Wanderer zwischen den Welten“ lautet der Untertitel des Buches. Canisius war das im wörtlichen Sinne: Als Peter de Hondt in den heutigen Niederlanden geboren, legte er geschätzt 100.000 km quer durch Europa zurück, von Niedersachsen bis Sizilien, von Rom bis Warschau, im Auftrag von Päpsten, Fürsten und Ordensoberen der damals noch ganz jungen jesuitischen Gemeinschaft.

Ein Wanderer war er aber auch im übertragenen Sinn – zwischen hoher Politik (als einflussreicher Berater von Kaisern, Königen und Herzögen) und kleinen Leuten, zwischen Universitäten und unbedeutenden Dorfschulen. „Er konnte sich an verschiedenste Lebensumstände anpassen und sich Wissenschaftern und Theologen genauso verständlich machen wie Laien“, sagt Moosbrugger – immer im Bemühen, eine kulturell und religiös auseinanderdriftende Welt zusammenzuhalten.

Gerade in Tirol hat Canisius viele Spuren hinterlassen: Man denke nur an die Gründung des bis heute bestehenden Jesuitenkollegs in Innsbruck (1562), Keimzelle der Universität, oder des Jesuitengymnasiums in Hall (1573), das später die Franziskaner übernahmen. Sein Lieblingsort war Tirol aber kaum, rund um die Kollegiengründungen in Innsbruck und Hall gab es heftige Konflikte – und auch mit Ferdinand II., als dessen Hofprediger er kurzzeitig wirkte, „kam er nicht wirklich gut aus“, sagt Moosbrugger. Dass Innsbruck, als einzige Diözese weltweit, Canisius 1964 zu ihrem Patron erwählte, sei insofern eine Art „Wiedergutmachung“ gewesen.

Als wichtigster Vertreter der katholischen Erneuerung im deutschsprachigen Raum kämpfte Canisius kompromisslos für die Wiederbelebung des darniederliegenden Katholizismus nach der Reformation – und hatte Schattenseiten, die Moosbrugger nicht verschweigt.

Das gilt vor allem für seine Rolle in der Hexenverfolgung: Canisius sei mit daran beteiligt gewesen, „das fatale Gift des Hexenglaubens unter den deutschen Katholiken zu verbreiten“. Er habe sich nicht unmittelbar an Verfolgungen beteiligt, aber als der katholische Predigerstar im heutigen süddeutsch-österreichischen Raum den damals allgemein verbreiteten Hexenwahn nochmals verstärkt und „als Stimmungsmacher in den Köpfen der Menschen“ gewirkt. Moosbruggers Fazit: „Er war kein Praktiker, sondern ein Theoretiker der Hexenverfolgung.“

Befremdlich wirken aus heutiger Sicht auch Canisius’ Angriffe gegen die Protestanten – wobei diese laut Moosbrugger „dem groben Tonfall seiner Zeit“ entsprochen haben, mit wechselseitiger rhetorischer Verteufelung. Die Erfahrung, dass die christliche Kirche als „Arche des Heils“ sich spaltet, sei eben traumatisch gewesen.

Zugleich stehe Canisius aber z. B. auch für eine andere, mehr innerliche Art der in Tirol so bedeutsamen Herz-Jesu-Verehrung – und halte einer „allzu oft politisch aufgeladenen Frömmigkeit den Spiegel vor“.

Letztlich zeigt das neue Buch Canisius als widersprüchliche Persönlichkeit – die gerade als solche durchaus modern wirkt. (md)


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