Peter Hengl über „Family Dinner“: Horror als Experimentierraum

Der Tiroler Peter Hengl legt mit „Family Dinner“ sein Langfilm-Debüt vor. Ein Gespräch über seltsame Familien, unheimliches Essen und Dreharbeiten in pandemischen Zeiten.

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Psycho-Horror auf dem Lande: Regisseur Peter Hengl drehte mit Pia Hierzegger (r.) und Michael Pink (l.) – und wählte beim Casting unter Hunderten Jungdarstellern Nina Katlein und Alexander Sladek aus.
© Felix Vratny

Herr Hengl, die Dreharbeiten für Ihren ersten Langfilm, bei dem Sie Regie geführt und das Drehbuch verfasst haben, sind beendet. Sie bezeichnen „Famil­y Dinner“ als „psychologischen Horrorfilm“ – was verstehen Sie darunter?

Peter Hengl: Für uns ist das ein Film, in dem es keine Monster oder übernatürlichen Erscheinungen gibt, die den Horror auslösen, sondern Ereignisse zwischen normalen Menschen, die zum Monster werden. Konkret geht es im Film um eine Teenagerin namens Simi, die ihre Tante auf einem als Ferienhaus genützten Bauernhof am Land besucht, weil Simi übergewichtig ist und sich von ihrer Tante Claudia, einer Ernährungsexpertin, Hilfe beim Abnehmen erhofft. Simi muss aber bald feststellen, dass im Familiengeflecht – ihre Tante, deren Ehemann und deren Sohn Filipp – etwas ganz Seltsames vor sich geht. Simi wird rasch Teil der Ereignisse, die übrigens in der Osterwoche spielen.

Mit Pia Hierzegger und Michael Pink als undurchsichtiges Ehepaar agieren zwei bekannte Darsteller neben zwei Nachwuchsschauspielern in ihren ersten großen Rollen. Wie waren Casting und Dreh?

Hengl: Das Casting der Jungdarsteller war eine große Herausforderung, wir haben über Monate Hunderte junge Leute angeschaut und dabei auch über Instagram gecastet. Nach langer Suche haben wir unsere Jungdarsteller Nina Katlein und Alexander Sladek gefunden, die beide für ihr Alter außergewöhnlich begabt sind und es geschafft haben, den Film zum Leben zu erwecken und locker mit unseren beiden Erwachsenendarstellern mitzuhalten. Mit Pia Hierzegger und Michael Pink zu arbeiten, war ein großer Genuss: Sie sind nicht nur wahnsinnig gut, sondern auch wahnsinnig angenehm und haben sehr geholfen, unsere Vision zu realisieren.

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Was interessiert Sie am Genre Horrorfilm?

Hengl: Das Horror-Genre hat für mich, vor allem für den ersten Langfilm, den enormen Vorteil, dass es viel Raum für Experimente lässt – und ein Publikum hat, das Experimente und Originalität auch belohnt. Horror geht zudem sehr gut mit Geschichten des Erwachsenwerdens zusammen, weil schon die Erfahrung des Horrorfilms an sich ein Ausloten von Grenzen darstellt. Auch unser Film hat mit Themen wie Körperwahrnehmung eine starke Coming-of-age-Komponente.

Zur Person

Peter Hengl, 1983 in Kufstein geboren, wechselte nach einem Informatikstudium an der Uni Innsbruck nach Wien, wo er ab 2008 an der Filmakademie unter Götz Spielmann das Fach „Buch und Dramaturgie“ studierte. Seither ist er als freischaffender Drehbuchautor und Regisseur tätig. Voraussichtlicher Kinostart seines Langfilm-Debüts „Family Dinner“ ist im Frühjahr 2022.

Essen spielt, wie der Filmtitel schon nahelegt, in „Family Dinner“ eine große Rolle. Auch visuell?

Hengl: Ja, wir legten großen Wert auf tolle Food-Stylisten, die sonst viel in der Werbung arbeiten, und haben uns sehr bemüht, Bilder von Speisen zu erzeugen, die ästhetisch, manchmal aber auch unheimlich sind. Ich habe mir im Vorfeld auch Kochshows angeschaut, um mit der Ästhetik vertraut zu sein. Das Ganze ist aber nur ein Thema von vielen. Wir haben auch starke Elemente des Folk-Horror im Film. Und Pia Hierzeggers Figur der Tante Claudia hat ganz spezielle Vorstellungen von der Welt ...

Wie schwierig war es, den ersten Langfilm gleich unter Corona-Auflagen stemmen zu müssen?

Hengl: Einige Bedingungen haben uns sehr geholfen: Die österreichische Filmbranche hat rechtzeitig Parameter erarbeitet, unter denen Filmarbeiten stattfinden können, natürlich mit strengsten Auflagen, was FFP-2-Masken, regelmäßiges Testen und bestimmte Verhaltensweisen am Set angeht. Zugleich war unser Projekt geradezu geschaffen für Corona: Wir haben nur vier Darsteller, der Film spielt zu 90 Prozent in diesem einen Haus, wobei wir im Waldviertel gedreht haben und das gesamte Team in einem Hotel über die Drehzeit einquartieren und somit isolieren konnten. Aber es war eine Herausforderung.

Das Budget lag bei ca. 1,5 Mio. Euro. War es schwer, einen Horrorfilm finanziert zu bekommen?

Hengl: Ich glaube, dass das in Österreich mittlerweile überraschend gut geht. Wir wissen von anderen Projekten aus dieser Richtung, die ebenfalls finanziert werden. Es gibt ein großes Bewusstsein, dass dieses Genre gut funktioniert und ein junges, potenziell neues Publikum für den österreichischen Film ansprechen könnte.

Wie geht es nun bis zur Kino­premiere weiter?

Hengl: Die Postproduktion wird wohl bis Spätsommer dauern, wir rechnen mit einem Kinostart frühestens im Frühjahr 2022. Wir haben bereits einen Österreich-Vertrieb und wollen auch mit Weltvertrieben ins Gespräch kommen. Grundsätzliche Interessensbekundungen gibt es da schon. Ausgehend davon wird auch ein Konzept entwickelt, bei welchen Festivals wir einreichen wollen.

Das Interview führte Michael Domanig


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