Mattle und Leja neue Landesräte, Kircher wird Landtagsvizepräsidentin

Paukenschlag in der Tiroler Landesregierung: Sowohl Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf als auch Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (beide ÖVP) haben am Dienstagabend überraschend ihren Rücktritt verkündet. Ihnen nachfolgen werden Anton Mattle und Annette Leja. ÖVP-Mandatarin Sophia Kircher wird Landtagsvizepräsidentin.

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Annette Leja wird neue Gesundheitslandesrätin, Anton Mattle neuer Wirtschaftslandesrat.
© Pichler/Rachlé

Innsbruck – Eine Überraschung folgte am Dienstag in der Tiroler Volkspartei auf die andere. Alles wirkte wie ein Befreiungsschlag, nachdem die Affäre um das Testlabor „Lab Truck“ ÖVP-Parteiobmann und Landeshauptmann Günther Platter massiv unter Druck gebracht hatte. Dass es just in dieser Woche zum zugegebenermaßen seit Monaten erwarteten Wechsel im ÖVP-Regierungsteam kommt, war so nicht abzusehen.

Am späten Nachmittag verkündete schließlich Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf ihren Rückzug. Zuletzt hatte der VP-Wirtschaftsbund auf Änderungen gedrängt. Danach teilte auch Gesundheits- und Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg seinen Rücktritt mit. Nicht einmal seine engsten Mitarbeiter soll er eingeweiht haben. Beide gehörten bereits seit 2008 den bisher drei Regierungen von Platter an.

Bernhard Tilg (ÖVP) tritt als Gesundheitslandesrat zurück.
© Rita Falk / Tiroler Tageszeitung

Mattle und Leja folgen

Der wiederum ist bekannt dafür, dass er kein politisches Vakuum entstehen lässt. Am späten Abend präsentierte er die neuen Gesichter in seinem Team, die am Mittwoch im ÖVP-Parteivorstand offiziell designiert werden. Doch nicht der favorisierte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser wird Zoller-Frischauf nachfolgen, sondern eher unvermutet Landtagsvizepräsident Toni Mattle (58).

Weil Toni Mattle als Wirtschaftslandesrat in die Landesregierung aufrücken wird, soll ÖVP-Landtagsabgeordnete Sophia Kircher ihm als Landtagsvizepräsidentin nachfolgen. Änderungen gibt es auch im Bezirk Oberland. Statt Mattle wird Marina Ulrich aus Zams in den Landtag einziehen.

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Für Tilg kommt eine ausgewiesene Gesundheitsexpertin zum Zug, nämlich die Geschäftsführerin des Sanatoriums Kettenbrücke, Annette Leja (51). „Ich bedanke mich für ihre Bereitschaft, sich in dieser herausfordernden Zeit in den Dienst des Landes Tirol zu stellen und Verantwortung zu übernehmen“, begründet Landeshauptmann Günther Platter seine Entscheidung. Zugleich dankte er den beiden scheidenden Regierungsmitgliedern. Der Wirtschaftsbund soll dem Personalpaket übrigens zugestimmt haben.

VP-Regierung über Nacht umgebildet

Das wird noch viel Gesprächsbedarf in den nächsten Tagen geben, doch in der ÖVP wurden noch am Dienstagabend die Weichen für eine Regierungsumbildung gestellt. Bereits vor einer Woche hatte der Wirtschaftsbund erstmals angeklopft, damals aber für seinen Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Walser. Er ist nämlich auch Bürgermeister in Thaur. Der Wirtschaftsbund hat sich einstimmig für ihn als möglichen Nachfolger von Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf ausgesprochen. Damit er in Thaur nicht unter Zugzwang gerät, sollte ein Zeitplan für den Wechsel im ÖVP-Regierungsteam erstellt werden. Doch Dienstag kam alles anders.

Am Nachmittag informierte Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) seine Kollegen über seinen Rücktritt. Er sei seit 2008 „mit Leib und Seele Mitglied der Tiroler Landesregierung“ und vieles sei ihm gelungen. Nach dreizehn Jahren in der Spitzenpolitik will Tilg wieder als Professor für Medizintechnik und Medizin­informatik an die Privatuniversität Umit zurückkehren. Dort war er bis 2008 Rektor.

Auch Patrizia Zoller-Frischauf (ÖVP) gibt ihr Amt ab.
© Thomas Böhm

Öffentlich machte aber schon zuvor Wirtschafts­landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf ihren Rücktritt bekannt. Sie habe bereits nach der Landtagswahl 2018 persönlich beschlossen, „zur Halbzeit der Legislaturperiode in den Landtag zu wechseln“. Dies habe sie so mit LH Günther Platter abgesprochen. Der Zeitpunkt sei bereits im Sommer des Vorjahres erreicht gewesen, „aufgrund der Corona-Pandemie war es jedoch enorm wichtig, entsprechende Stabilität und Kontinuität in der Landesregierung sicherzustellen“, schrieb Zoller-Frischauf in einer persönlichen Erklärung.

Besonders in den letzten Monaten sei es ihr ein Anliegen gewesen, „die langfristige strategische Ausrichtung unseres Wirtschaftsstandortes zu initiieren“.

Platter dürfte vom Rückzug zwar zeitlich überrascht gewesen, aber nicht auf dem falschen Fuß erwischt worden sein. Innerhalb weniger Stunden präsentierte er die Nachfolger. Walser fand sich nicht darunter. Und das nährt bereits Spekulationen. Möglicherweise wechselt er erst nach der Landtagswahl 2023 in die Regierung, vielleicht war das Drängen des Wirtschaftsbundes auch zu offensiv.

Der VP-Chef schlug dem Parteivorstand am Mittwoch als Nachfolger für Zoller-Frischauf den Landtagsvizepräsidenten und Bürgermeister von Galtür, Anton Mattle, vor: „Mattle hat als Bürgermeister, langjähriger Abgeordneter und als Vizepräsident bewiesen, dass er rund um die Uhr für Land und Leute da ist“, begründete Platter seine Entscheidung. Mit einer hohen Kompetenz, Erfahrung, seiner verbindenden Art und seiner Handschlagqualität sei er der Richtige, um Tirol aus dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation herauszuführen.

Zur Person

Patrizia Zoller-Frischauf wurde am 21. März 1959 geboren. Von Jänner 1991 an war sie geschäftsführende Gesellschafterin der Firma Frischauf-Bild. Bevor sie am 1. Juli 2008 Mitglied der Tiroler Landesregierung wurde, bekleidete die gelernte Fotografin drei Jahre lang das Amt der Vizepräsidentin der Tiroler Wirtschaftskammer. Seit 2000 ist sie Innungsmeisterin, von 1997 bis 1999 war sie Vizepräsidentin des Österreichischen Wirtschaftsbundes. Seit Ende April 2019 fungiert Zoller-Frischauf als Landesobfrau des Seniorenbunds Tirol.

Bernhard Tilg wurde am 1. September 1967 in Zams geboren. Er besuchte die HTL für Elektrotechnik in Innsbruck und studierte danach Elektrotechnik in Graz. 1995 promovierte Tilg und blieb danach als Assistent am Institut für Elektro- und Biomedizinische Technik an der Technischen Universität Graz. 1999 habilitierte der Tiroler und wurde 2002 Universitätsprofessor für Medizinische Informatik und Biomedizinische Technik an der UMIT in Hall. Im selben Jahr wurde er zum Vizerektor ernannt und seit Oktober 2004 stand er der UMIT als Rektor vor. 2008 wurde er Gesundheitslandesrat im Kabinett Platter, dem er seither angehörte. Tilg ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Auf Tilg folgt die Geschäftsführerin des Sanatoriums Kettenbrücke, Annette Leja. Platter: „Mit ihr gewinnen wir eine angesehene Expertin und Managerin aus dem Gesundheitssektor für die Gesundheits- und Pflegeagenden. Mit ihrer Nominierung befindet sich das Gesundheitsressort in besten Händen.“

In einer Landtags-Sondersitzung am Dienstag werden Leja und Mattle gewählt. Zoller-Frischauf könnte dabei volley in die Funktion der Landtagsvizepräsidentin wechseln. (TT, pn)

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