Kunst von Lois Weinberger in Bregenz: Versuchsanordnungen eines Feldarbeiters

Die Kunst von Lois Weinberger schlägt im und vor dem Kunsthaus Bregenz Wurzeln. Die vier Obergeschoße bespielt Pamela Rosenkranz.

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Lois Weinbergers aus mehr als 900 mit Vorarlberger Erde gefüllten Eimern bestehender „Garten“ vor dem Kunsthaus Bregenz.
© Markus Tretter

Von Edith Schlocker

Bregenz – Das Kunsthaus Bregenz hat seit Kurzem einen Garten. Allerdings keinen „normalen“, sondern einen subversiv kunstvollen, wie es sich für einen Ort wie diesen schließlich gehört. Bestehend aus fast 900 mit der Erde von Vorarlberger Äckern gefüllten Eimern, in denen in den kommenden Monaten wachsen darf, was will. Was das sein wird, wird sich zeigen, ist nicht zuletzt abhängig davon, wie viel es regnen oder die Sonne scheinen wird.

Angelegt wurde dieser kunstvoll kunstlose „Garten“ nach dem bereits an weltweit diversen Orten zelebrierten Konzept Lois Weinbergers, dem vor einem Jahr völlig unerwartet im Alter von 73 Jahren gestorbenen Tiroler Künstler. Um auf diese Weise eines sehr speziellen Feldarbeiters zu gedenken, für den Pflanzen das ideale Medium waren, um den Zustand der Welt zu hinterfragen. Wobei sich Weinberger selbst alles andere als als Gärtner empfand, sondern als forschender Ersteller von Versuchsanordnungen der konkreten Wirklichkeit mit den unterschiedlichsten künstlerischen Medien.

Das Interesse Weinbergers galt primär dem Randständigen, unbeachtet an Unorten Wachsenden. Um 1997 bei der Kasseler documenta mit seiner Bepflanzung eines stillgelegten Bahngleises mit Ruderalpflanzen aus südöstlichen Regionen weltweit Aufsehen zu erregen. Spürte man doch trotz des absolut unaufgeregten Settings hier intuitiv die inzwischen fast hellseherisch anmutende politische Brisanz. Indem das „Unkraut“ zur Metapher für die Underdogs der westlichen Gesellschaft, die unwillkommenen Migranten bzw. Flüchtlinge wird.

Um zu verstehen, wie Lois Weinberger als Künstler getickt hat, wurde im Basement des Bregenzer Kunsthauses eine kleine Werkschau eingerichtet, arrangiert rund um die aus 24 Bildtafeln bestehenden „Unkrautgemeinschaften Europas“ (1971/1999), die Weinbergers Witwe Franziska der Sammlung des Kunsthauses als Geschenk einverleibt hat. Zu sehen sind in der klug bestückten Retrospektive aber auch drei wunderbar malerische Aquarelle, die ganz kurz vor dem Tod des Künstlers entstanden sind, neben einem Herbarium, das im Nachhall einer Japanreise entstanden ist, oder einem großen Tuch, das als poetisch metaphernreich aufbereitetes wissenschaftliches Setting daherkommt. Auf einem hölzernen Tisch daneben liegen wiederum vier kleine Skulpturen aus Lehm, die auf einen ersten Blick in ihrer spröden Archaik fast banal erscheinen. In Wirklichkeit aber das Ergebnis eines ebenso aufwändigen wie höchst lustvollen archaischen Entstehungsprozesses sind.

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Pamela Rosenkranz verwandelt das Kunsthaus Bregenz in ihr „House of Meme“. Dessen zweites Geschoß komplett in die Farbe Blau getaucht ist.
© Markus Tretter

Die Annäherung der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz an die Wirklichkeit ist eine komplett andere. Reagierend auf die klare Sprache der Zumthor’schen Architektur verwandelt sie das Kunsthaus mit den Mitteln von Licht, Farbe und Schall auf beunruhigend unfassbare Weise in ihr „House of Meme“. Wenn sie etwa pfeilförmige blaue Lichtquellen in das nebelig verunklärte zweite Geschoß implementiert, die irgendwie an die Fenster gotischer Kathedralen denken lassen. Eine Pfütze erhellend, die sich am Boden ausbreitet, während ein Stock höher eine sonderbar künstliche, von elektromagnetischen Strahlen ferngesteuerte Schlange vor einem aus Alltagsgeräuschen gewebten Soundteppich züngelt.


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