Neue Ausschreitungen: Israel und Hamas setzen Angriffe fort

Der bewaffnete Konflikt zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas hält an. Die israelische Luftwaffe griff auch am Samstag mehrere Ziele im Zentrum der Stadt Gaza an, darunter auch ein Medienbüro. Militante Palästinenser im Gazastreifen setzten unterdessen ihre Raketenangriffe auf Israel fort.

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Israel setzte Samstagfrüh seinen Angriffe auf den Gazastreifen fort.
© Imago/Fathi

Gaza/Jerusalem – Im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern gibt es kein Anzeichen für ein Ende der Gewalt. Trotz internationaler Bemühungen um eine Feuerpause gingen die Kämpfe die fünfte Nacht in Folge weiter. Die israelische Luftwaffe setzte Samstagfrüh ihre Angriffe auf den Gazastreifen fort, während die radikal-islamische Hamas von dort den Süden Israels mit Raketen beschoss.

Israels Luftwaffe hat am Samstag außerdem ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen zerstört, in dem Medienunternehmen wie Associated Press ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Es ist das fünfte Hochhaus, das Israels Armee seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montag zum Einsturz bringt. Ein israelischer Armeesprecher sagte, man prüfe den Bericht. Den Angaben zufolge hatte auch der katarische TV-Sender Al-Jazeera ein Büro in dem zuletzt zerstörten Gebäude.

📽 Video | Angriffe in Nahost gehen weiter

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms sagte nach der Zerstörung des Gebäudes, Tel Aviv solle sich auf eine "Antwort vorbereiten, die die Erde erschüttern lässt".

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Militante Palästinenser hatten die Küstenmetropole zuvor am Samstag bereits drei Mal mit Raketen angegriffen. Dabei wurde in dem Tel Aviver Vorort ein Mensch getötet, es gab beträchtlichen Sachschaden. Es waren die bisher intensivsten Angriffe auf den Großraum Tel Aviv.

Raketeneinschlag nahe der österreichischen Botschaft in Tel Aviv

In der Nähe der österreichischen Botschaft in Tel Aviv in Israel ist am Samstagnachmittag eine Rakete eingeschlagen. "Glücklicherweise ist das gesamte Team der Botschaft unverletzt geblieben", sagte Botschafterin Hannah Liko gegenüber der APA. Laut Medienberichten wurde dabei mindestens ein Mensch getötet. Die Situation sei "extrem angespannt", so Liko. Zuvor forderte sie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: "Das muss sofort aufhören."

Die Rakete sei in Ramat Gan bei Tel Aviv eingeschlagen, teilte Liko mit. Nach Angaben des Außenministeriums ist die Einschlagstelle 1,4 Kilometer von der österreichischen Botschaft entfernt.

Man halte sich streng an die vom israelischen Zivilschutz vorgegebenen Sicherheitsvorkehrungen. "Bei Raketenalarm haben wir in Tel Aviv 90 Sekunden Zeit, um einen Schutzraum aufzusuchen. Mitarbeiter der Botschaft, die in Tel Aviv wohnen, mussten allein in den letzten Tagen neun Mal einen Schutzraum aufsuchen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen", erklärte die Botschafterin. Dort müsse man mindestens zehn Minuten ausharren, manche Menschen würden aber sogar in den Schutzräumen übernachten. In der Botschaft selbst sei bis zu einer Entspannung der Lage nur ein Kernteam vor Ort, der Rest arbeite im Home Office.

Kämpfer absichtlich in die Irre geführt?

Nach Angaben palästinensischer Mediziner wurden in der Nacht mindestens zwölf Menschen durch israelische Luftangriffe getötet. Eine Frau und ihre drei Kinder seien ums Leben gekommen, als ihr Haus in einem Flüchtlingslager getroffen worden sei.

Das israelische Militär erklärte, es habe Raketen-Stellungen im Norden des Gazastreifens sowie ein Gebäude des Geheimdienstes der Hamas angegriffen. In weiten Teilen Südisraels heulten in der Nacht die Sirenen und warnten vor Raketenbeschuss. In Beersheba und Ashdod wurden Gebäude getroffen, Berichte über mögliche Opfer gab es zunächst nicht.

Bei einem massiven Angriff auf ein breites Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas hat Israels Luftwaffe nach eigenen Angaben rund 500 Tonnen Munition eingesetzt. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge des Typs F-16 und F-35 beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe am Samstag. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. „Potenziell sind es aber Hunderte“, sagte er.

Ausländische Medien hatten der israelischen Armee vorgeworfen, sie mit einem Tweet kurz vor dem Angriff absichtlich manipuliert zu haben. „Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an“, hieß es darin in der Nacht zum Freitag, als mit einer Bodenoffensive Israels gerechnet wurde. Dies hatte nach Medienberichten zahlreiche Hamas-Kämpfer dazu bewegt, in das unterirdische Metro-System abzutauchen. Nachdem sie so in die Falle gegangen seien, habe Israels Luftwaffe das Tunnelnetz rund 40 Minuten lang bombardiert. Die Armee dementierte eine gezielte Manipulation der ausländischen Medien und sprach von einem Kommunikationsfehler. Es befinde sich kein israelischer Soldat im Gazastreifen.

Zerstörte Gebäude im Gazastreifen.
© Imago/Asad

Mindestens 140 Tote und über 950 Verletzte

Seit Montag wurden nach Angaben palästinensischer Gesundheitsbehörden im Gazastreifen mindestens 132 Menschen getötet, darunter 32 Kinder und 21 Frauen. Rund 950 Menschen seien verletzt worden. In Israel kamen nach Angaben dortiger Behörden acht Menschen ums Leben, darunter zwei Kinder. Auch ein Soldat sei unter den Toten, er sei an der Grenze zum Gazastreifen auf Patrouille gewesen sei.

Israel hat dort Panzer und Infanterie zusammengezogen. Dies weckte Erinnerungen an die Konflikte in den Jahren 2009 und 2014, als auch Bodentruppen eingesetzt wurden. In israelischen Medien hieß es allerdings, der direkte Einsatz einer größeren Zahl von Soldaten sei wegen des Risikos hoher Verluste unwahrscheinlich.

Auch in der Nacht auf Samstag hielten die gegenseitigen Angriffe an.
© Imago/Taleb

Die Gefechte zwischen Israels Militär und der Hamas hatten nach Ausschreitungen in Ost-Jerusalem an der Al-Aqsa-Moschee begonnen. Die Hamas forderte am Montag ultimativ unter anderem einen Abzug israelischer Sicherheitskräfte von dort und begann nach Ablauf ihrer Frist mit den Raketenangriffen auf Jerusalem, Tel Aviv und anderen Städten. Verschärft wurden die Spannungen durch Pläne, Häuser palästinensischer Familien in Ost-Jerusalem zu räumen. Das Land wird von jüdischen Siedlern beansprucht. Für Sonntag sind Beratungen des UN-Sicherheitsrates über die Lage geplant.

Ausschreitungen in israelischen Ortschaften

Neben dem Konflikt Israels mit militanten Palästinensern kommt es auch in israelischen Ortschaften mit arabischen Einwohnern immer wieder zu Ausschreitungen. Trotz einer Ausgangssperre in der Stadt Lod begannen am Freitagabend wieder Konfrontationen arabischer Israelis mit Sicherheitskräften, wie die Polizei in der Nacht zum Samstag mitteilte.

📽 Video | ORF-Korrespondent Tim Cupal aus Israel über das Wiederaufflammen des Nahost-Konflikts

Die Polizei sei dabei mit zwei Brandflaschen beworfen worden und habe daraufhin den Tatverdächtigen mit Schüssen am Bein verletzt und festgenommen.

Das israelische Fernsehen stufte den ersten Einsatz eines Gewehrs des Typs Ruger seit Beginn der Unruhen im israelischen Kernland als Zeichen einer weiteren Eskalation ein. Das Gewehr gelte sonst als "extremes Mittel zur Auflösung von Ausschreitungen" in den Palästinensergebieten. Zuvor war der Polizei vorgeworfen worden, sie gehe nicht entschlossen genug gegen gewaltsame Randale arabischer Einwohner Israels vor. (APA/Reuters/dpa)

Pressestimmen zum Nahost-Konflikt

Internationale Tageszeitungen kommentieren die fortschreitende Eskalation der Gewalt im Konflikt zwischen israelischen Sicherheitskräften und der radikal-islamistischen Hamas in Israel am Samstag wie folgt:

"Guardian" (London):

"Während der Konflikt Benjamin Netanyahu anscheinend in seinem unmittelbaren Bestreben hilft, sich an seine Position zu klammern - gerade als seine Rivalen dachten, sie kämen bei ihren Versuchen einer Koalitionsbildung voran - offenbart er auch den Preis all seiner Jahre als Regierungschef. Die implizite Botschaft war stets, dass die Israelis Sicherheit haben können, ohne Zugeständnisse an die Palästinenser machen zu müssen.

Aber die Ereignisse dieser Woche zeigen, dass es keinen Frieden und keine Sicherheit geben kann, solange die Palästinenser ohne Aussicht auf einen nennenswerten eigenen Staat unter israelischer Kontrolle leben und die palästinensischen Bürger Israels nicht die gleichen Rechte und Vorteile genießen wie ihre jüdischen Mitbürger.

Der höchste Preis wird wohl wie immer im Gazastreifen zu zahlen sein. Aber das israelische Militär und die Hamas sind es zumindest gewohnt, irgendwann einen Ausweg zu finden. Die Beilegung der Gewalt zwischen den Gemeinden in Israel könnte hingegen weitaus komplizierter, langwieriger und ungewiss sein."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"Die beispiellosen Szenen schüren die Angst vor einem Bürgerkrieg in Israel. Es ist eine Dimension des israelisch-palästinensischen Krieges, die den Kampf zwischen den Parteien wieder auf Anfang setzen könnten. Auf 1948, das Jahr, in dem der jüdische Staat gegründet wurde. (...)

Für die Kämpfe um Gaza kann man immer einen ausländischen Vermittler finden. Aber den Brand im Inneren können die Bürger nur selbst löschen. An einigen Kreuzungen verteilten jüdische und arabische Israelis gemeinsam Blumen an vorbeifahrende Autofahrer, um Frieden zu demonstrieren.

Aber ob sich diese Stimmung auch in der Knesset, dem israelischen Parlament, durchsetzen wird? Premierminister Netanyahu hat sich seit mehr als zehn Jahren mit einem eisernen "winner-takes-all"-Populismus behauptet. Seine gemäßigteren Rivalen haben darauf von Wahl zu Wahl keine Antwort gefunden."


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