Thomas Gottschalk: „Für mich ist Beethoven Heavy Metal“

Thomas Gottschalk präsentiert am 21. Mai in ORF die „Goldene Note“. Den Wechsel von DSDS zum Klassik-Casting macht er „problemfrei“.

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Dass sich Thomas Gottschalk mit klassischer Musik auskennt, stellte er bei der Jubiläumsshow „50 Jahre ZDF-Hitparade“ unter Beweis.
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Wien – Thomas Gottschalk ist als Fernsehmoderator eine Legende – und als Klassik-Liebhaber auch hinter den Kulissen für die Musik engagiert. Am 21. Mai präsentiert der 70-Jährige nun die Klassik-Castingshow „Goldene Note“ in ORF 2. Aus diesem Anlass sprach Gottschalk über Lohengrin als Tankwart, warum die Öffentlich-Rechtlichen derzeit ihre Chancen nicht nutzen und die Frage, warum er es idiotisch findet, wenn Eddy für die kranke Oma singt.

Was viele nicht wissen, ist, dass Sie ein Klassik-Kenner und Bayreuth-Stammgast sind. Welchen Stellenwert hat die klassische Musik in Ihrem Leben?

Thomas Gottschalk: Ich würde mich gegen die Bezeichnung „Klassik-Kenner“ verwehren. Aber ich bin ein Klassik-Genießer und verstehe den Unterschied zwischen U- und E-Musik nicht. Für mich ist Beethoven Heavy Metal oder ein „Lohengrin“ ähnlich unterhaltend wie Andrew Lloyd Webber. Man muss die Dinge nur im Kopf zurechtrücken. Aber ich sehe ein, dass eine „Götterdämmerung“ keine Einstiegsdroge für den durchschnittlichen 16-Jährigen ist und man wohl vor einem fünfstündigen „Parsifal“ einige Karfreitagshochämter miterlebt haben muss, um den genießen zu können.

Wie stehen Sie da dem modernen Regietheater gegenüber?

Gottschalk: Ich bin nur begrenzt bereit, der klassischen Musik dahin zu folgen, wo sie unverständlich wird. Ich gehöre zu den „schwierigen“ Klassikfans, die sich freuen, wenn Lohengrin noch halbwegs an einen Ritter erinnert und nicht wie ein Tankwart daherkommt. Ich habe in Bayreuth „Tristan“-Inszenierungen gesehen, bei denen ich nicht mehr verstanden habe, weshalb das in einem Rehabilitationszentrum für geistig Verwirrte stattfinden muss.

Sehen Sie das primär als Thema des deutschsprachigen Raumes?

Gottschalk: Ich bin ja seit über zehn Jahren Mitglied des Board of Directors der L. A. Opera und habe die Nöte, ohne Subventionen Klassik an den Mann zu bringen, hautnah kennen gelernt. Es gab etwa zur Jahrtausendwende den Versuch, den „Ring“ mit George Lucas zu inszenieren. „Star Wars“ meets Wagner wäre interessant geworden, ist aber leider am Budget gescheitert.

In den USA ist klar: Wenn sich reiche Menschen philanthropisch engagieren und zwei Millionen Dollar für eine „Carmen“ ausgeben, aber dazu sagen, dass sie ein rotes Kleid tragen soll, dann wird sie ein rotes Kleid tragen. Da kann sich der Regisseur auf den Kopf stellen.

Bei der „Goldenen Note“ treten nun Jugendliche an Klavier, Geige und Cello gegeneinander an. Haben Sie selbst ein Lieblingsinstrument?

Gottschalk: Es gibt nichts Schöneres als Max Bruchs Violinkonzert. Ich selbst habe als Akademikerkind mit Müh’ und Not Klavierunterricht durchlitten. Meine Mutter hat mir beim Üben die eine oder andere Ohrfeige gegeben. Ich habe es gehasst, weil ich immer ein Notenblatt gebraucht habe, um „Für Elise“ zu spielen. Deshalb ziehe ich meinen Hut vor Menschen, die frei improvisieren können. Es gibt einfach begabte Menschen am Klavier – ich gehöre nicht dazu.

Zuletzt waren Sie bei „Deutschland sucht den Superstar“ als Bohlen-Einspringer mit von der Partie und sind nun bei der „Goldenen Note“ an vorderster Front. Liegt Ihnen das Castingformat?

Gottschalk: Ich bin kein Fachmann, der die Virtuosität von Teilnehmern im Pop- oder Klassikbereich bestimmen kann. Wenn sich ein Zwölfjähriger hinsetzt und Chopin spielt, ist das für mich immer schon eine goldene Note. Aber wenn ich als Laie etwaige Spielfehler nicht bemerke, gehe ich davon aus, dass das für 90 Prozent der Fernsehzuschauer auch gilt. Zwischen DSDS und Klassik-Casting wechsle ich deshalb problemfrei. Am Ende moderiere ich eine Unterhaltungssendung. Ich sehe es lieber, wenn sich Leute von einer nachweisbar intellektuellen Leistung unterhalten sehen als vom Nachsingen irgendwelcher Songs von Dua Lipa, die mir schon im Original nicht viel geben.

Jetzt feiern Castingshows seit 20 Jahren fröhliche Urständ im Fernsehen. Wie erklären Sie sich diesen ungebrochenen Hype?

Gottschalk: Das Element von Verlieren oder Gewinnen hat eine unterhaltende Note, was auch für die Menschen gilt, die flehen: Wähle mich. Das sind Elemente, die nichts mehr mit der Musik zu tun haben. Wenn ich höre, dass der 18-jährige Eddy für seine kranke Oma singt, denke ich mir oft: Wichtig ist, ob er richtig oder falsch singt. Wenn es auf eine Ebene gehoben wird, dass der Betreffende um sein eigenes Leben oder das von anderen singt, wird es für mich idiotisch. Aber ich sehe ein, dass das Unterhaltungselement für das Publikum damit steigt.

Sie haben in Ihrer Karriere Erfahrungen bei nahezu allen öffentlich-rechtlichen Sendern und den Privaten im deutschsprachigen Raum gesammelt. Gibt es aus Ihrer Sicht da heute noch einen Unterschied?

Gottschalk: Im Moment ist das, was in Deutschland passiert, etwas tragisch. Der klassische Samstagabend, den ich in aller Bescheidenheit im Griff gehabt habe wie kein anderer, hat sich erledigt. Das ist auch ein gewisser Trost, weil ich ja nicht durch jemanden ersetzt wurde, der es besser kann.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wäre ich von meiner ganzen Denke am besten aufgehoben – wenn es das machen würde, was es zu machen hätte: die Pflege von Kultur und Bildung. Das sage ich immer als Unterhalter. Mein Interesse ist auch bei der „Goldenen Note“, dass man Klassik durchaus unterhaltend präsentieren kann.

Ich bin unglücklich, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Chancen, die es aufgrund seiner komfortablen Gebührensituation hätte, nicht nutzt. Man tritt die Flucht in die Mediathek und ins Internet an und lässt die, die TV gelernt haben, ein bisschen außen vor. Aber das ist jetzt das Gerede eines älteren Herren. Ich habe nichts zu beklagen – ich habe in der Zeit, in der das Fernsehen größer denn je war, meine beste Zeit gehabt.

Das bedeutet, dass Ihnen die Privaten mittlerweile näherliegen?

Gottschalk: Natürlich ist es für mich angenehmer, eine Samstagabendshow im ZDF zu moderieren, wo du nicht wie bei RTL durch Werbung unterbrochen wirst. Allerdings finde ich im Moment mehr Verständnis und Engagement bei den Machern von RTL als bei denen von ARD und ZDF. Da hat sich einfach viel gewandelt. Mittlerweile gibt es in den Öffentlich-Rechtlichen Formate, denen ich verständnislos gegenüberstehe, wenn es da Promisendungen gibt, in denen irgendwelche Influencer erklären, wie man sich die Nase kleinschminkt.

Das Interview führte Martin Fichter-Wöß/APA


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