Orte, an denen die Natur wieder heilt

In der „Plattform 6020“ zeigt Alexandra Kontriner zärtliche Pflanzenporträts neben urbanen Brachen.

  • Artikel
  • Diskussion
Das Schmalblättrige Weidenröschen ist einer der „Pioniere“ aus Kontriners aktueller Werkserie.
© Kontriner

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Das pink blühende Schmalblättrige Weidenröschen trat seinen Siegeszug in unseren Breitengraden erst direkt nach dem Zweiten Weltkrieg an. Vorher war das sommergrüne Kraut zwar bis in Höhen von 1900 Metern zu finden, im urbanen Raum dafür äußerst selten. In den Trümmerfeldern der Städte konnte das anspruchslose Gewächs als Pionierpflanze vortrefflich gedeihen – eben dort, wo sonst nichts wächst. Das Röschen erhielt deshalb den Namen „Trümmerblume“.

Schon seit 2019 beschäftigt sich die Osttiroler Künstlerin Alexandra Kontriner mit solchen „Pionieren“. Geradezu obsessiv, wie bei einem wissenschaftlichen Projekt sammelt und dokumentiert Kontriner Motive, die andere übersehen. Die Annäherung gelingt über altmeisterliche Detailtreue. Eine Faszination, die auch aufs Publikum überspringt: Ihre Zeichnungen mit besonderer haptischer Wirkung ziehen ihr Publikum förmlich an. Aus der jahrelangen Beschäftigung erwächst schlussendlich ein Archiv voller fragiler Porträts. Zu sehen ist ihre „Pionier“-Serie seit heute in der städtischen Fördergalerie „Plattform 6020“.

Eingenistet haben sich dort auch Kontriners zärtliche Insektenstudien aus ihrem „Perkularium“ – einer Reihe, die in Zusammenarbeit mit der Naturwissenschaftlichen Sammlung der Tiroler Landesmuseen entstand. Wie bei ihren Pflanzenbildern setzt Kontriner ihr Motiv einmal mehr auf einen leeren weißen Untergrund, der einlädt, genauer hinzusehen. Die Arbeit ist Kunstprojekt, Dokumentation und Zeitdokument zugleich: Porträtiert hat Kontriner nämlich Krabbelgetier, das in Österreich längst ausgestorben ist. Das Vergängliche wird morbide Schönheit. Ein Nachdenken über Insektensterben, das vor allem durch industrialisierte Landwirtschaft und Klimawandel unaufhaltsam vorangetrieben wird, wird in diesen stillen Zeichnungen zugleich angeregt. Kontriners Auseinandersetzung – auch bei ihren „Pionieren“ – bleibt also keinesfalls an der faszinierenden Oberfläche kleben.

Für diese künstlerische Reflexion aktueller Fragestellungen wurde Kontriner, die 1980 in Lienz geboren wurde und heute in Wien lebt und arbeitet, bereits 2020 mit dem RLB-Förderpreis und 2019 im Rahmen des Österreichischen Grafikwettbewerbs ausgezeichnet.

In ihrer neuen Soloshow erstmals zu sehen sind großformatige, unbunte Aquarellmalereien, die urbane Brachen und damit auch jene Lebensräume ihrer Pionierpflanzen zeigen. Interessanterweise werden diese Unorte hier zum Raum, wo natürliche Vielfalt gelingt. Und die Natur ein Stück weit heilt.


Kommentieren


Schlagworte