„Dein Schatten tanzt in der Küche“: Großer Appetit auf das Leben

Barbara Frischmuth erzählt von starken Frauen, die sich nicht fremdbestimmen lassen.

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Barbara Frischmuth, Jg. 1941, stammt aus Altaussee in der Steiermark, wo sie auch heute wieder lebt.
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Von Markus Schramek

Innsbruck – Die kurze literarische Form duldet kein Ausufern, keine Satzgirlanden, kein Um-den-heißen-Brei-Herumschreiben. Eine geglückte Erzählung packt den Leser beim „Krawattl“ und lässt ihn ein paar Dutzend Seiten lang zappeln. Sie ist wie ein atemloser Sprint, der lange nachwirkt: Man blättert zurück, um Passagen gleich noch einmal zu studieren.

In ihrem neuen Erzählband „Dein Schatten tanzt in der Küche“ zeigt sich Barbara Frischmuth als Meisterin ihres Fachs. Mit leichter Hand, fantastischem Schreibfluss und einem ordentlichen Schuss Humor nimmt uns die vielfach ausgezeichnete steirische Autorin mit auf fünf geschriebene Reisen. Die sind so kurz wie der Wochenendtrip nach St. Irgendwo. Dennoch bringt Frischmuth ihre Charaktere in vielen Farben zum Leuchten.

Wir begegnen starken, selbstbestimmten Frauen, die sich von (ihren) Männern und sonstigen Störeinflüssen nicht beirren lassen. Es sind keine Superwomen wie aus dem Hochglanzmagazin, sondern reale Frauen mit großem Appetit auf das Leben, ganz egal, wie hart dieses mit ihnen umspringt. Bis zum – fallweise dramatischen – Ende entscheiden Frischmuths Heldinnen selbst, welchen Kurs sie einschlagen.

Amelie und Daniel sind Schauspielerkollegen aus schon länger zurückliegender Vorzeit. Beide wurden ins Ausgedinge geschubst, Rollen gibt es längst nicht mehr. Amelie hat ihre Familie bei einem tragischen Zwischenfall verloren, Daniel ist allein in der Stadt gestrandet.

Anstatt einander zu bemitleiden, feiern die beiden ihr zufälliges Treffen nach Jahrzehnten standesgemäß rauschend – wie seinerzeit. Dem Tod wird die lange Nase gezeigt. „Ich vererbe an den Klimafonds, damit mir unter der Erde nicht zu heiß wird“, witzelt Amelie ausgelassen.

Darya ist als Flüchtende über etliche Zwischenstationen ins Land gekommen; mit knapper Not hatte sie die Fahrt übers Meer im Schlauchboot überlebt. Sie ist bestens ausgebildet, spricht fließend Englisch, auch Deutsch fällt ihr nicht schwer. Sie gilt als gut integriert, doch der Gedanke an ihre Familie in der Heimat schmerzt und verfolgt sie. Mit großem Einfühlungsvermögen arbeitet Frischmuth diesen Zwiespalt heraus. Ein Flüchtlingsschicksal, eines von Tausenden vielleicht, wird mit einem Schlag fassbar.

Wer die heile Welt sucht, wird sie in diesem Band nicht finden. Geliebte Menschen werden krank oder verunfallen, verheißungsvolle Beziehungen scheitern, voranschreitendes Alter fordert seinen Tribut. Frischmuth hangelt sich thematisch entlang des echten Lebens, könnte man sagen. Doch wie sie dieses beschreibt, zeugt von großer Klasse.

📚 Erzählungen: Barbara Frischmuth – „Dein Schatten tanzt in der Küche“. Aufbau-Verlag 2021, 224 Seiten, 20,10 Euro.


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