Kinostart für „Nomadland“: Goldene Reise nach Amerika

Mit „Nomadland“ hat die Regisseurin Chloé Zhao den Goldenen Löwen und drei Oscars gewonnen. Nun ist der großartige Film auch in den geöffneten Kinos zu sehen.

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Fern wird nach dem Tod ihres Mannes zur Arbeitsnomadin. US-Schauspielerin Frances McDormand erhielt für ihre Rolle als Fern heuer zum dritten Mal den Oscar als Beste Hauptdarstellerin (nach „Fargo“ 1997 und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, 2018).
© 20th Century Studios/Disney

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Nomadland“ ist eine Anomalie. Der Film von Chloé Zhao ist ein Roadmovie am Rande des Dokumentarischen, basierend auf einem Sachbuch, mit Laiendarstellenden in den Nebenrollen quer durch Amerika gedreht und eine durchaus kleine Produktion.

Dennoch trifft der Film einen Nerv im Amerika der Gegenwart – und nicht nur dort. Schon bei der Weltpremiere beim Venedig Filmfestival, mitten im Corona-Ausnahmejahr 2020, überzeugte er die Jury und viele Festivalbesucher.

Dieser Run im umkämpften Preis-Reigen hielt bis zu den verschobenen Pandemie-Oscars am 25. April 2021 an. „Nomadland“ gewann alle drei Top-Oscars für den Besten Film, die Beste Regie und Frances McDormand für die Beste Hauptdarstellerin.

Die nun dreifache Oscar-Gewinnerin McDormand beweist in „Nomadland“ nicht nur ungeheures Feingefühl und unglaubliche Offenheit vor der Kamera. Sie ist auch die treibende Kraft und Produzentin hinter dem Projekt. Sie hat sich die selten spannende Rolle einer Frau mittleren Alters auf den Leib geschneidert und die aufstrebende Regisseurin Chloé Zhao ausgewählt.

📽️ Video | Trailer zu „Nomadland“:

Es brauchte den frischen Blick und das feine Gespür der gebürtigen Chinesin Zhao, um die amerikanischste Filmgeschichte seit John Ford zum Oscar-Ruhm zu bringen. Zhao holte damit als erst zweite Frau überhaupt den Regie-Oscar und zitierte in ihrer Preisrede einen treffenden chinesischen Sechs-Zeichen-Vers ihres Vaters: „People at birth are inherently good – Menschen sind bei ihrer Geburt von Natur aus gut.“ Abseits aller Preise und Lobeshymnen ist „Nomadland“ vor allem aber auch ein außerordentlich kraftvoller Abgesang auf den amerikanischen Traum.

Hauptfigur Fern (Frances McDormand) ist nach dem Tod ihres Mannes zur Nomadin geworden, auch aus finanziellen Gründen. Die Bergarbeitersiedlung, in der sie lebte, gibt es nach der großen Wirtschaftskrise von 2008 nicht mehr.

Fern schlägt sich mit Kurzzeit-Jobs durch, etwa in einer Amazon-Fabrik in der Weihnachtszeit. Dort lernt sie andere Wirtschafts-Nomaden im Pensionsalter kennen, die ihr Leben auf die Straße verlagert haben. Im Film wird Fern mit den amerikanischen Planwagen-Pionieren verglichen. Doch in ihrer Gegenwart ist alle Utopie verloren und es gibt kein gelobtes Land im Westen, das es zu erobern gilt. Nur die Begegnungen auf ihrer Reise und die Natur abseits der Straße mit Mammutbäumen, Flüssen und den felsigen Badlands gibt Ferns episodischer Geschichte immer wieder eine ruhige, zärtliche Stimmung.

„Nomadland“ ist ein zutiefst amerikanischer Film einer Regisseurin, die in China geboren wurde und ihre Ausbildung in den USA erhielt. Bereits Zhaos ersten beiden Filme „Songs My Brothers Taught Me“ und „The Rider“ sind erstaunlich frisch, erinnern mitunter an die spielerische Landschaftsverliebtheit eines Terrence Malick, ohne dessen Pathos zu übernehmen. Auch bei „Nomadland“ ist das Erstaunlichste die ungekünstelte Arbeit mit Laiendarstellern, mit denen McDormands Figur zusammentrifft. Die Laien geben dem Film eine authentische Intensität.

Würdevoll und tieftraurig zeigt „Nomadland“ ein Amerika, das seine besten Zeiten hinter sich hat.

Von Filmemacherin Chloé Zhao dagegen darf man noch viel erwarten. Demnächst etwa den bereits fertig gestellten Marvel-Blockbuster „Eternals“.

🍿 Nomadland ist ab Donnerstag, 27.5., im Kino zu sehen.


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