Deutliches Studienergebnis: Tiere mit größerem Gehirn gähnen länger

Ein internationales Forscherteam unter österreichischer Beteiligung hat 1300 Gähner von mehr als 100 Wirbeltieren ausgewertet. Die Hypothese, dass sich das Gähnen als Kühlmechanismus für das Gehirn entwickelt hat, bestätigte sich.

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Säugetiere gähnen bei vergleichbarer Gehirn- und Körpermasse deutlich länger als Vögel.
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Wien – Wirbeltiere mit größeren Gehirnen und mehr Neuronen gähnen länger. Das zeigt ein internationales Forscherteam mit österreichischer Beteiligung, das für seine Studie rund 1300 verschiedene Gähner von Säugetieren und Vögeln ausgewertet hat. Wie die Wissenschafter im Fachjournal Nature Communications berichten, bestätigen ihre Ergebnisse die Hypothese, dass sich das Gähnen als Kühlmechanismus für das Gehirn entwickelt hat.

Der vor einigen Jahren aufgestellten Gehirnkühlungs-These zufolge wird durch das gleichzeitige Einatmen kühler Luft und die Kontraktion der die Mundhöhle umgebenden Muskeln der Fluss von kühlerem Blut zum Gehirn gefördert. Weil größere Gehirne einen höheren Energiebedarf haben und die Gehirntemperatur zum Teil durch die Wärmeproduktion der neuronalen Aktivität bestimmt wird, müssten der Hypothese zufolge Tiere mit größeren Gehirnen und mehr Neuronen länger gähnen, um vergleichbare Kühleffekte zu erzielen.

Gähner von mehr als 100 Tierarten ausgewertet

In ihrer Studie analysierten die Forscher Videos von gähnenden Säugetieren und Vögeln. Die Aufnahmen stammten aus verschiedenen Online-Quellen, etwa YouTube, wurden von Kollegen oder Zoos zur Verfügung gestellt oder von den Studienautoren selbst in Tiergärten und Forschungsinstituten aufgenommen. Insgesamt 1291 Gähner wurden von 697 verschiedenen Tieren ausgewertet, die 101 unterschiedliche Arten (55 Säugetier- und 46 Vogelarten) umfassten.

Es zeigte sich, dass sich das Muster des Gähnens nicht zwischen den verschiedenen Arten unterscheidet. „Für jeden Laien ist es bei fast allen Wirbeltieren erkennbar, dass sie gähnen“, sagte Margarita Hartlieb vom Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. Sie hat mit den beiden anderen Hauptautoren Jorg Massen (Universität Utrecht) und Jordan Martin (Universität Zürich) „eine klare Beziehung zwischen Gehirnmasse und Neuronenzahl und der Dauer des Gähnens sowohl bei Säugetieren als auch bei Vögeln“ gezeigt.

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Vögeln reicht kürzeres Gähnen

Herausgestellt hat sich auch, dass Säugetiere bei vergleichbarer Gehirn- und Körpermasse deutlich länger gähnen als Vögel. Die Wissenschafter erklären sich das mit der im Vergleich zu Säugetieren höheren Kerntemperatur der Vögel. Dadurch sei der Temperaturunterschied zur Umgebungsluft größer und den Vögeln reicht ein kürzeres Gähnen, um den notwendigen Kühleffekt zu erzielen.

Als Ausreißer nannte Hartlieb die Nacktmulle, die eigentlich recht kleine Gehirne haben, aber ähnlich lange wie etwa ein Jaguar gähnen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Nacktmulle – als einziges Säugetier – wechselwarm sind, sagte Hartlieb, die die Studie im Zuge ihrer Masterarbeit durchgeführt hat und für ein Doktoratsstudium noch zahlreiche Fragen für die Gähn-Forschung hätte.

Die wichtige neurophysiologische Funktion des Gähnens scheint den Forschern zufolge jedenfalls „über eine Vielzahl von Tieren hinweg konserviert zu sein, so dass ihr evolutionärer Ursprung zumindest bis zum gemeinsamen Vorfahren von Vögeln und Säugetieren und möglicherweise sogar noch weiter zurückverfolgt werden kann“. (TT.com, APA)


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