Tuchels Chelsea der "Stein im Schuh" von Manchester City

Der FC Chelsea krönt sich zum Champions-League-Sieger. Im Duell der Taktik-Tüftler erweist sich Thomas Tuchel erneut als Spielverderber für Pep Guardiola.

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Emotional wie nie: Thomas Tuchel
© Dave Shopland/BPI/Shutterstock via www.imago-images.de

Porto - Roman Abramowitsch muss auf seinem Platz im Estadio do Dragao ein extrabreites Grinsen im Gesicht gehabt haben. Nach fast 100 Minuten im englischen Champions-League-Finale in Porto hatte sein Millionen-Spielzeug Chelsea erneut Manchester City besiegt. Als Vater des Erfolges darf sich - wohl zurecht - Trainer Thomas Tuchel fühlen, der sein Gegenüber Pep Guardiola einmal mehr entzauberte. "Wir sind der Stein im Schuh von City", jubelte der 47-Jährige.

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Was Tuchel damit im Sky-Interview meinte, war sein glückliches Händchen in Spielen gegen den englischen Meister und dessen Trainer-Star: drei Mal in den vergangenen sechs Wochen traf Chelsea auf Manchester City, dreimal waren die "Blues" der Sieger. Das Finale der UEFA-Königsklasse gewann Chelsea dank eines Treffers von Kai Havertz in der 42. Minute 1:0. "Für mich geht ein Kindheitstraum in Erfüllung", sagte der 21-Jährige. Im Überschwang der Gefühle benutzte der deutsche Teamspieler in seinen auf Englisch geführten Interviews mitunter die Wörter "Fuck" und "Fucking". "Entschuldigung fürs Fluchen", schrieb er später auf Twitter.

"Wir warten auf die Chance. Wenn wir in Führung gehen können, dann gehen wir zum dritten Mal in Führung in den letzten drei Spielen. Dann sind wir in den Köpfen drinnen", erklärte Tuchel. In der zweiten Hälfte parkten sich die Londoner um den überragenden N'Golo Kante in der eigenen Hälfte ein und verhinderten hochkonzentriert und effizient ein Gegentor. Tuchel: "Dann wird es eine Abwehrschlacht, das ist klar. Das war es dann auch."

Im Moment seines bisher größten Triumphs fühlte sich der Trainer wie "in einem Film" und wollte sein ganzes Glück mit seiner Familie teilen. "Wenn ich darüber nachdenke, fange ich an zu weinen", sagte Tuchel sichtlich aufgewühlt. Seine Eltern, Ehefrau Sissi und die beiden Töchter erlebten die intensive, wenngleich von Abwehrleistungen geprägte Partie im Stadion mit. "Ich weiß, wie sehr die sich freuen, für die ist es jetzt."

Guardiola hatte mit seiner Aufstellung viele überrascht, weil er auf einen gestandenen Sechser - einer aus dem Duo Rodri oder Fernandinho hatten beinahe jedes Spiel in der Saison begonnen - verzichtete, stattdessen Ilkay Gündogan und Bernardo Silva im Zentrum aufbot. Im Mittelfeld fehlte dadurch manchmal die Absicherung. Den Treffer von Havertz konnte Mason Mount aus der eigenen Hälfte mit einem durch die Mitte des Feldes geschlagenen Pass vorbereiten.

Nach Jürgen Klopp 2019 mit Liverpool und Hansi Flick 2020 mit dem FC Bayern war Thomas Tuchel der dritte deutsche Coach nacheinander, der sein Team zum Champions-League-Sieg führte. Durch den Triumph des Chelsea-Trainers haben nun insgesamt fünf Deutsche das geschafft: Ottmar Hitzfeld gelang es 1997 mit Borussia Dortmund und 2001 mit den Bayern, Jupp Heynckes 1998 mit Real Madrid und 2013 mit den Münchnern.

Dass der ehemalige Mainz- und Dortmund-Trainer Chelsea "passierte", ist vor allem dem Russen Abramowitsch zu verdanken. Der Eigentümer erkannte ziemlich schnell die Chance, nachdem Tuchel bei Paris-Saint Germain kurz vor Weihnachten vor die Türe gesetzt worden war. Ein schlechter Lauf in der Premier League kostete Club-Ikone Frank Lampard im Jänner seinen Trainerjob - und hievte Tuchel ins Amt. Dass er damit den Widerstand der Fans provozierte, kümmerte Abramowitsch wenig. Der Erfolg gibt ihm letztlich Recht, wiewohl die nun erfolgreiche Mannschaft vor allem von Lampard zusammengestellt wurde. Tuchel habe jedoch "einen sehr großen Anteil" am Aufschwung der "Blues", versicherte Abwehrspieler Antonio Rüdiger.

De Bruyne erleidet im Finale Knochenbrüche im Gesicht

Der belgische Nationalspieler Kevin De Bruyne von Manchester City hat im Champions-League-Finale bei dem Zusammenprall mit Antonio Rüdiger einen Nasenbeinbruch und eine Orbitabodenfraktur erlitten. Das teilte der 29-Jährige am Sonntag nach einem Krankenhausaufenthalt mit. „Ich fühle mich okay“, schrieb De Bruyne. Er sei „natürlich noch immer enttäuscht wegen gestern, aber wir werden stärker zurückkommen.“ City hatte das Endspiel am Samstagabend mit 0:1 gegen den FC Chelsea verloren.

Der deutsche Nationalspieler Rüdiger, der für die Aktion die Gelbe Karte sah, hatte De Bruyne nach gut einer Stunde auflaufen lassen. Der Belgier wurde nach dem Zusammenprall minutenlang auf dem Platz behandelt und musste unter Tränen ausgewechselt werden. Mögliche Auswirkungen seiner Verletzung auf die Vorbereitung mit der belgischen Nationalmannschaft auf die EM in diesem Sommer erwähnte De Bruyne nicht. Belgien bestreitet sein erstes Gruppenspiel am 12. Juni in St. Petersburg gegen Russland.

Möglicherweise könnte der Heilsbringer für den Champions-League-Erfolg schon bald mit einem neuen Arbeitspapier belohnt werden. "Ich bin nicht zu 100 Prozent sicher, vielleicht habe ich bereits einen neuen Vertrag, mein Manager hat da was gesagt", berichtete Tuchel bestens aufgelegt bei der Pressekonferenz. Der Schwabe hatte zu Jahresbeginn einen Vertrag über 18 Monate mit Option auf ein weiteres Jahr unterschrieben. Noch auf dem Rasen des Estadio do Dragao in Porto habe er mit Abramowitsch gesprochen, verriet er. "Ich denke, das war der beste Moment für ein erstes Treffen. Von jetzt kann es ja nur schlechter werden." (APA/Reuters/dpa)

Pressestimmen zum Champions-League-Sieg von Chelsea

ENGLAND:

"Guardian": "Als Thomas Tuchel Ende Jänner den Job erhielt, Chelsea wiederzubeleben, wollte er sie über einen Top-Vier-Platz zurück in die Champions League führen. Die Vorstellung, dass er das Ding tatsächlich zum erst zweiten Mal in der Vereinsgeschichte gewinnen könnte, war lächerlich. Nicht mehr. In einer Nacht voller Ruhm für ihn und sein Team setzte der Manager die letzten Pinselstriche auf sein Meisterwerk der Renaissance ein, manövrierte seinen Freund und Rivalen Pep Guardiola aus und sah zu, wie Kai Havertz kurz vor der Pause das entscheidende Tor erzielte. Chelsea verteidigte wie die Teufel, (...) aber dies war ein perfekt ausbalancierter Triumph, der auf einem strukturierten Angriffsansatz beruhte, die richtigen Momente zum Umschalten auswählte und von der Geschmeidigkeit von Havertz' Technik ausgeleuchtet wurde."

"Times": "Rücksichtslosigkeit wird belohnt: Roman Abramowitschs Politik des Hin und Her funktioniert erneut für Chelsea. (...) Nun da er (Tuchel) Abramowitsch sogar getroffen hat, kann er sich auf solche Genüsse wie ein Transferfenster freuen und vielleicht einen etwas längeren Vertrag. Aber er ist clever genug (...), um zu wissen, dass er das Hier und Jetzt einfach genießen sollte, solange es geht."

"Sunday Telegraph": "Kai Havertz krönt Chelsea zum König Europas und zerstört Man Citys Champions-League-Träume."

"The Sun": "Nach einer taktischen Meisterleistung von Trainer Thomas Tuchel in Portugal vergangene Nacht stemmt das Team aus Westlondon den Champions-League-Pokal zum zweiten Mal in die Höhe."

Sky Sports: "Der Guardiola-Weg funktioniert immer noch, seine Überlegungen bringen immer noch den besten Fußball hervor und er hat die Titel, um dies zu beweisen. Aber seit einem Jahrzehnt weigern sich die größten Spiele, sich seinem Willen zu beugen. Der vermeintliche Überdenker hat jetzt einen Sommer, um darauf herumzukauen."

ITALIEN

"Corriere dello Sport": "Chelsea Champion in Europa! Havertz bringt City zum Weinen, ein Flop von Guardiola."

"Gazzetta dello Sport": "Die Champions League spricht weiter Deutsch: Nach Jürgen Klopp 2019 mit Liverpool und Hansi Flick 2020 mit Bayern München, ist es dieses Mal Thomas Tuchel mit Chelsea. (...) Schon bevor Tuchel den Pokal an diesem Abend in Porto hochhob, hatten die Deutschen ein Zeichen hinterlassen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League haben tatsächlich vier Trainer aus demselben Land das Viertelfinale derselben Saison erreicht: Edin Terzic (Dortmund), Jürgen Klopp (Liverpool), Thomas Tuchel (Chelsea) und Hansi Flick (Bayern München). Tuchel hat Klopp "nachgemacht", indem er seine erste Champions League gewann, ein Jahr nachdem er ein Finale verloren hatte."

"Tuttosport": "Havertz haut Manchester City um, die Champions League gehört Chelsea."

FRANKREICH

"France Info": "In sechs Monaten hat der Deutsche eine Mannschaft, der es an Selbstvertrauen fehlte, in eine der stärksten Englands verwandelt, die jetzt über den Kontinent regiert. Tuchel zeigte all das, was man von ihm bei seiner Ernennung im Jahr 2018 zum Trainer des französischen Fußballklubs PSG erwartet hatte: Intensität, hohe Dringlichkeit, die Fähigkeit, trotz der Fehler einiger Spieler schnell zu antizipieren: Das Chelsea von Tuchel sieht aus wie Tuchel. Im Vergleich dazu schien PSG nie zu ihm zu passen."

"Ouest France": "Thomas Tuchel ist der Champion von Europa mit Chelsea! Nach einem verlorenen Finale im vergangenen Jahr an der Spitze der PSG hat sich der deutsche Taktiker am Freitag gerächt. Mit den Blues von Chelsea hat der deutsche Trainer erreicht, was er mit PSG nicht geschafft hat: den Henkelpott."

"L"Equipe": "Dieses Finale der Champions League war aufregend, spannend, ungewiss - es war alles, wovon wir geträumt haben. Chelsea hat das Finale nicht gestohlen, sondern wegen seines klaren Spielplans, seines hervorragenden Tors und seines kollektiven Gefühls, das die Mannschaft nicht verlassen hat, gewonnen. Thomas Tuchel wurde im Mai Champion, weil PSG ihn im Dezember rausgeschmissen hatte. Es ist eine persönliche Krönung, denn der Deutsche hat Chelsea völlig verwandelt."

"France Football": "Kai Havertz war seit seiner Ankunft in London im letzten Sommer nicht immer überzeugend und konnte sich keine bessere Nacht aussuchen, um sich in seinem besten Licht zu zeigen. Der junge Deutsche war schwer fassbar, leicht und fair in allem, was er unternahm, er glänzte und spaltete die Verteidigung von Manchester."

RUSSLAND

"Sport Express": "Tuchel ist nun in den Rang eines Elite-Trainers aufgestiegen. Bis vor kurzem galt der Deutsche noch einfach als jung und vielversprechend, doch jetzt ist er selbst Guardiola überlegen und zerschlägt dessen Traum."

DEUTSCHLAND

"Bild" (Online): "Havertz, unser Henkelpott-Held! Jogi-Star, der im Sommer für bis zu 100 Mio. aus Leverkusen kam, schießt Titel-Tor. Wir haben den Trainer-Titel-Hattrick in der Champions League! Nach Jürgen Klopp (53/2019) mit Liverpool und Hansi Flick (56/2020) mit Bayern gewinnt mit Thomas Tuchel (47) zum dritten Mal in Folge ein deutscher Trainer die Königsklasse. Dank Havertz faucht Tuchel Pep weg! Der Katalane besiegt seinen Henkelpott-Fluch einfach nicht. Guardiola ist einer der besten Trainer seiner Generation - die Champions League gewann er aber nur mit "Heimatklub" Barcelona, zuletzt 2011."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Havertz schießt Chelsea zum Champions-League-Sieg! Manchester City und Pep Guardiola schaffen es wieder nicht. Im Finale von Porto gewinnt der FC Chelsea die Champions League. Kai Havertz ist mit seinem goldenen Tor der entscheidende Spieler. Meister sind sie überlegen geworden, aber dem Titel in der Champions League laufen Manchester City und Pep Guardiola weiter vergeblich hinterher. Das große Finale der Taktik-Gurus auf den Trainerbänken endete am Samstagabend mit dem Sieg für Thomas Tuchel, der mit dem 1:0-Erfolg zum großen Los für den FC Chelsea wurde."

"Die Welt": "Der Goldjunge! 80 Millionen Euro zahlte Chelsea vergangenen Sommer für Kai Havertz. Nie war ein deutscher Fußballspieler teurer. Es folgten schwierige Monate für den erst 21-Jährigen. Havertz trug zwar das Preisschild eines Superstars, aber er war noch keiner. Doch dann kam das Champions-League-Finale. Er hat dieses große Finale entschieden. Mit seinem ersten Treffer überhaupt in der Königsklasse. Er hätte sich für das Premierentor keinen besseren Moment aussuchen können."

"Münchner Merkur": "Kai Havertz flucht auf Reporter-Frage. Der 21-Jährige erzielt für Chelsea im Finale der Champions League das Siegtor. Angesprochen auf seine hohe Ablöse und den Druck kontert er fluchend eine Reporter-Frage. "Um ehrlich zu sein, im Moment ist mir das scheißegal, wir haben die verdammte Champions League gewonnen", sagte der überglückliche Havertz am TV-Mikrofon der BBC und benutzte die Wörter "F***" und "F***ing". Später entschuldigt sich Havertz auf Twitter."


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