Schon wieder vercoacht? Guardiolas Poker überforderte Manchester City

Der Kuss der Silbermedaille war die letzte seltsame Entscheidung von Pep Guardiola an diesem bitteren Finalabend von Porto. In den Stunden nach dem erneuten Scheitern am ersehnten Champions-League-Triumph mit Manchester City wollte der rätselhafte Startrainer einmal mehr nicht erkennen, wie er mit einem irritierenden Taktik-Wechsel das Endspiel gegen den FC Chelsea vercoacht hatte.

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Pep Guardiola kann es nicht fassen: Wieder zog der Spanier mit seinem Team den Kürzeren.
© CARL RECINE

Porto - Manchester-City-Coach Pep Guardiola hat in dieser Saison erneut seinen Ruf untermauert. Der zeitweise rätselhafte Katalane bewies, dass er der Richtige ist, wenn es darum geht, eine Mannschaft über eine Saison zu steuern und Meisterschaften zu gewinnen. In Finalspielen aber ziehen Guardiola-Teams oft den Kürzeren - so auch am Samstag im Champions-League-Finale. Welchen Anteil an der 0:1-Niederlage gegen Chelsea sein Taktik-Experiment hatte, wurde in England heftig debattiert.

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"Warum hast du es wieder vermasselt, Pep?", fragte die "Daily Mail" am Sonntag in fetten Lettern und erinnerte an die neun vergeblichen Anläufe Guardiolas in der Champions League seit seinem zweiten Titelgewinn mit dem FC Barcelona im Jahr 2011. Den ersten Triumph mit seinem Heimatverein in der "Königsklasse" hatte der heute 50-Jährige 2009 zelebriert.

In England hat Manchester City die Premier League in drei der jüngsten vier Spielzeiten dominiert, dabei teilweise hochklassigen Kombinationsfußball gezeigt. Was Guardiola daher von vielen vorgeworfen wird, ist die Abkehr von der bisher erfolgreichen Taktik im mutmaßlich wichtigsten Spiel des Jahres. Wichtigstes deshalb, weil der spendable Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi einem Champions-League-Sieg schon seit mehr als einem Jahrzehnt erfolglos nachjagt.

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Guardiola ließ ein extrem variables System mit 3-4-3-Grundordnung bei eigenem Angriff spielen, das sich je nach Situation und Feldposition blitzschnell veränderte. Linksverteidiger Oleksandr Sintschenko agierte bei Ballbesitz als weiterer zentraler Mittelfeldspieler, in der Rückwärtsbewegung ließ er sich fallen und eine Viererkette entstand. Kapitän Kevin de Bruyne und Phil Foden wechselten sich als "falsche Neun" ab, da Guardiola auf einen gestandenen Mittelstürmer verzichtete. Statt Foden startete der formschwache Raheem Sterling als Linksaußen.

Die defensiven Mittelfeldspieler Fernandinho und Rodri, die zwei Jahre lang fast jedes Match bestritten hatten, saßen nur auf der Bank. Ilkay Gündogan musste quasi als Sechser agieren - nicht seine Idealposition. Wollte Guardiola mit all diesen Schachzügen sein Gegenüber Thomas Tuchel und die Chelsea-Profis überraschen? Mag sein, doch seine Mannschaft wirkte in der ersten Hälfte nie rund, in der Mitte klafften oft große Räume. Hätte Timo Werner einen besseren Tag erwischt, hätte Chelsea zur Halbzeit leicht höher führen können.

"Ich habe mit meiner Aufstellung das Beste versucht", beteuerte Guardiola und erklärte, schon öfter mit dem System gespielt zu haben. "Wir haben in der ersten Hälfte Probleme gehabt, die letzte Linie zu durchbrechen. Die zweite Hälfte war viel besser, gegen den Defensivverbund von Chelsea war es nicht einfach. Es war ein enges Match." Der Trainer habe "den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn überschritten", ätzte hingegen das Boulevardblatt "The Sun" und erkannte in der Wahl der Formation "eines seiner verrückten Professoren-Experimente".

Brüche im Gesicht bei Kevin de Bruyne

Guardiola wollte sich kurz nach der Niederlage nicht auf Diskussionen einlassen. "Ich möchte festhalten, dass es trotzdem eine herausragende Saison für uns war", betonte der Spanier. "Es war ein Traum für uns, hier zu sein, leider haben wir nicht gewinnen können." Für die meisten im Club sei es das erste große internationale Finale gewesen, fügte Guardiola hinzu. "Wir werden ab sofort noch härter dafür arbeiten."

Viel Arbeit wartet demnächst wohl auch auf die Ärzte der belgischen Nationalmannschaft. Denn bei seinem Zusammenstoß mit Antonio Rüdiger erlitt De Bruyne in der zweiten Hälfte des Spiels einen Nasenbeinbruch und eine Orbitabodenfraktur, wie er selbst mitteilte. Er sei "natürlich noch immer enttäuscht wegen gestern, aber wir werden stärker zurückkommen". Wie lange er wegen seiner Verletzungen pausieren muss, sagte De Bruyne nicht. Belgien bestreitet sein erstes Gruppenspiel am 12. Juni in St. Petersburg gegen Russland. (APA/dpa/Reuters)


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