„Epicentro“ von Hubert Sauper: Imperiale Inselträume, junge Propheten

Hubert Saupers neuer Dokumentarfilm „Epicentro“ ist eine Reise ins dunkle Herz des amerikanischen Imperialismus.

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Hubert Saupers „Epicentro“ wurde 2020 beim Sundance-Filmfestival ausgezeichnet.
© Stadtkino Verleih

Innsbruck – Hubert Saupers Essay-Film „Epicentro“ ist eine Erkundungsreise ins Herz des amerikanischen Imperialismus. Und dessen Anfänge findet der für „Darwin’s Nightmare“ Oscar-nominierte Dokumentarist ausgerechnet in Havanna. Der Weltbürger Sauper mit Wurzeln in Tirol und Kärnten und einer Wahlheimat in Frankreich begibt sich damit in ein Land und dessen Hauptstadt, die spätestens seit der Revolution gegen die Batista-Diktatur zu einer Projektionsfläche im In- und Ausland wurde. Kein Land außer Kuba musste und muss für so viel fremde und eigene Imaginationen herhalten. Kein Land außer den Vereinigten Staaten von Amerika vielleicht. Entlang der Beziehung der Insel zum großen Nachbarn dreht sich die Doku um Utopie und kulturelle Eroberungen, um Tourismus und Disneyland und um die Rolle, die das Kino dabei spielt, als massenhypnotische Propaganda und „Autopropaganda“. Dabei ist nicht in erster Linie die altbackene Propaganda des Castro-Regimes im Fokus, sondern vor allem die der USA mit ihrem schiefen Amerikanischen Traum als Exportschlager der kapitalistischen Weltwirtschaft. Dahinter steckt wie auch in Kuba ein utopisches Phantasma.

📽️ Video | Trailer zu „Epicentro“

Auch das Kino steht von seinem Anbeginn an im Dienst der Ideologien, wie Sauper am Beispiel der U.S.S. Maine zeigt. Das Kriegsschiff explodierte 1898 im Hafen von Havanna und lieferte den willkommenen Anlass für den Kriegseintritt der USA als neue imperialistische Großmacht gegen die alte spanische. Die Bewegtbildaufnahmen davon wurden für die Nachrichten-Propaganda im Studio vor Kulissen nachgestellt.

Sauper zeigt kubanische Kinder, die ihrerseits mit Wassertank und Spielzeugschiffchen lernen, wie Bilder und Fiktion produziert werden und ihre gelernte Version der kubanischen Kolonialgeschichte herunterbeten, aber auch Fragen stellen. Sie sind die Protagonisten seines Films, die er im Abspann „junge Propheten“ nennt. Hubert Sauper bringt sich als ihr Gesprächspartner und Zuhörer im Lauf des Films immer mehr selbst ein – ein erfrischender Unterschied zu den vielen vermeintlich „unsichtbaren“ Dokumentarfilmern hierzulande.

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Der Filmemacher holt sich aber auch Unterstützung von keiner Geringeren als Oona Chaplin, die für „Game of Thrones“ und die Avatar-Filme vor der Kamera steht und in Kuba die zeitlosen Filme ihres Großvaters Charlie Chaplin vorführt. Außerdem probiert sie mit einer Gruppe aufgeweckter kubanischer Kinder aus, wie sich Geschichten und Fiktionen produzieren lassen.

All das macht „Epicentro“ zu einem intelligenten Bruch mit den Erwartungen an den Kuba-Kitsch und hochpolitisch auf die angenehmste Weise. Der Film wurde beim Sundance Festival 2020 mit dem Grand Prize World Documentary Award ausgezeichnet und wird vom Regisseur heute Abend im Innsbrucker Leokino (Beginn: 19 Uhr) und morgen Sonntag im Filmtheater Kitzbühel vorgestellt. (maw)


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