Ex-ÖFB-Teamchef Koller: "Hätte bei EM 2016 die Euphorie bremsen müssen"

Unter Marcel Koller galt das ÖFB-Team 2016 in Frankreich als potenzielle Sensationsmannschaft, geendet hat der Traum vom großen Coup bereits nach der Gruppenphase. Im Interview spricht der 60-jährige Schweizer über die Gründe dafür und die Chancen der ÖFB-Elf bei der bevorstehenden Endrunde.

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Marcel Koller scheiterte mit dem ÖFB-Team bei der EURO 2016 in Frankreich bereits in der Gruppenphase.
© GEPA pictures/ Witters

Wie hat sich das österreichische Nationalteam Ihrer Meinung nach seit Ihrem Abgang im Oktober 2017 entwickelt?

Koller: Sie haben eine sehr gute Qualifikation gespielt und sind verdient bei der EURO dabei. Mit der Pandemie ist alles ein bisschen durcheinandergeraten, dann ist die WM-Quali dazugekommen, da hat es mit dem Spiel gegen Dänemark (Anm.: 0:4) einen kleinen Rückschlag gegeben. Jetzt wird die Frage sein, wie man das verkraften kann. Aber grundsätzlich hat sich die Mannschaft in der Breite verbessert, man hat noch mehr Möglichkeiten und Auswahl, als das vielleicht vor vier, fünf Jahren der Fall war.

Ist die Mannschaft jetzt stärker als 2016?

Koller: Das kann man nicht vergleichen, weil jeder Spieler verschieden ist und nicht mehr viele Spieler von damals dabei sind. Man hat aber auf jeden Fall mehr Alternativen, wenn jemand ausfällt.

Was trauen Sie dem ÖFB-Team bei der EM zu?

Koller: Man darf die Gruppe nicht unterschätzen. Die Nordmazedonier haben Deutschland geschlagen, die Niederländer haben hervorragende Fußballer, das wird eine enge Kiste. Die Ukraine kenne ich von den Spielen gegen die Schweiz. Sie haben eine sehr gute Mannschaft, die schwer zu bespielen ist. Wichtig wäre es einmal, das erste Spiel zu gewinnen, dann ist vieles möglich.

Zuletzt wurde in Österreich darüber debattiert, ob die Spielweise des Nationalteams zu unattraktiv sei und zu wenig gepresst werde. Was halten Sie von dieser Diskussion?

Koller: Die Spielphilosophie muss zu den vorhandenen Spielern passen, und das kann am Schluss nur der Trainer beurteilen und entscheiden. Wenn Sie mich persönlich fragen, dann spiele ich grundsätzlich natürlich lieber offensiv und Pressing, als nur abzuwarten und schnell umzuschalten. Aber man braucht natürlich die Spieler dazu und muss mit ihnen reden, ob sie überhaupt dazu bereit sind."

Wäre eine Spielweise mit intensiverem Pressing passender für die Nationalmannschaft?

Koller: Es gibt sicher den einen oder anderen Spieler, der gezeigt hat, dass er das umsetzen kann. Aber man braucht alle dazu, und ob das funktioniert, kann ich von außen nicht beurteilen.

Worauf muss die ÖFB-Auswahl achten, damit die EM nicht so endet wie 2016?

Koller: Wir hatten damals nicht Corona, aber mit den Terroranschlägen war auch eine gewisse Unruhe drin. Die Stimmungslage ist aktuell anders. Damals herrschte große Euphorie, man hat gesagt, das Halbfinale ist das Minimum. Ich wollte die Euphorie nicht bremsen. Im Nachhinein wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich etwas auf die Bremse gestiegen wäre.

Bei einer Pressekonferenz einen Monat nach der EM machte sich der ÖFB nur den Vorwurf, dass die Mannschaft einmal zu lange bei einem Sponsorenessen war und einmal vor dem Aktivieren in Paris im Stau gesteckt ist. Hat man es sich damals zu leicht gemacht mit den Erklärungen für das schlechte Abschneiden?

Koller: Die Sponsor-Geschichte nach dem Spiel in Paris war nicht ideal, und wenn man im Stau steht, ist das auch nicht förderlich.

Das waren die Gründe für das frühe Ausscheiden?

Koller: Wir müssen jetzt das Ganze nicht noch einmal aufarbeiten. Wenn der Alaba-Schuss nach wenigen Sekunden gegen Ungarn drin gewesen wäre, hätte das ganze Turnier anders laufen können. Wir hatten auch im letzten Spiel gegen Island noch unsere Chancen auf den Aufstieg. Aber es bringt nichts mehr, fünf Jahre zurückzuschauen. Wir haben damals Entscheidungen getroffen und sind dahinter gestanden.

Eineinhalb Jahre nach der EM ist Ihre Zeit als österreichischer Teamchef zu Ende gegangen, begleitet von einigen bemerkenswerten Wortmeldung von ÖFB-Präsidiumsmitgliedern. Schmerzt Sie die Art und Weise des Abschieds noch?

Koller: Nein. Vielleicht hat sich der eine oder andere in der Öffentlichkeit nicht optimal geäußert, doch ich bin kein nachtragender Mensch.

Seit Ihrem Abgang vom FC Basel im vorigen Sommer sind Sie ohne Job. Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Koller: Ich will weiterhin als Trainer tätig sein und habe mit dem einem oder anderen Verein und Nationalverband gesprochen. Aber noch gibt es nichts Konkretes.

Das Gespräch führte Alois Tschida/APA


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