Dirigent Phillippe Herreweghe im Gespräch: „Ohne Publikum geht es nicht“

Phillippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent eröffnen heute das Osterfestival Tirol. Der Dirigent im Gespräch.

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Originialklang-Pionier Phillippe Herreweghe tritt heute Abend erstmals seit Monaten vor Publikum auf.
© Maeckelberghe

Von Joachim Leitner

Innsbruck, Hall – Phillipe Herreweghe hat es eilig. Er muss zur Probe. Das Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung muss auf später verschoben werden. Auch dann, kündigt der belgische Dirigent an, werde die Zeit knapp. Nach der Probe ist vor der Probe. Und gerade jetzt sei das Probieren besonders wichtig. Schließlich spielen Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent heute Abend zum Start des Corona-bedingt verschobenen Osterfestivals Tirol im Salzlager Hall erstmals seit Monaten wieder vor Publikum. „Ein Konzert, das diesen Namen verdient, ist immer ein Gespräch unter drei: dem Komponisten, dem Ausführenden und dem Publikum. Ob man vor 50 oder 5000 Zuhörenden musiziert, macht keinen großen Unterschied, aber ganz ohne Publikum geht es eigentlich nicht“, sagt Herreweghe. Er weiß, wovon er spricht. In den zurückliegenden Monaten leitete er mehrere Streaming-Konzerte. „Eine Erfahrung, die man eher mit Studioaufnahmen vergleichen kann. Selbst wenn alles gut ist, fehlt etwas.“

Anfang Mai dieses Jahres wurde Philippe Herreweghe 74. Seit mehr als fünf Jahrzehnten steht er auf der Bühne. Den Chor Collegium Vocale gründete er 1970. Er leitet mehrere Ensembles, ist Chef- und Gastdirigent renommierter Orchester. Seit 2010 betreibt er ein eigenes Plattenlabel. In normalen Jahren verbringt er mehr als 250 Tage unterwegs. Corona habe ihn gebremst, sagt er. Und eine Entwicklung beschleunigt, die er schon davor wahrnahm. „Ich will nur noch die Musik spielen, die mich wirklich interessiert – und mich auf das wirklich Wesentliche konzentrieren“, sagt er. Berühmt wurde Herreweghe unter anderem mit wegweisenden Einspielungen der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Seine Beschäftigung mit vorbarocker Musik und historischer Aufführungspraxis brachte ihm den Ruf als „Hohepriester der Alten Musik“ ein. Ein Originalklangspezialist ist Herreweghe geblieben – sein Repertoire begrenzen wollte er aber nicht: Mozart, Bruckner, Mahler. „Musik, die mir auch hilft, jene Komponisten, für die ich als Spezialist gelte, besser zu verstehen.“

In Hall wird sich Philippe Herreweghe unter dem Titel „Anima Dolorosa“ Madrigalen Monteverdis widmen. Vokalmusik aus der Spätrenaissance. „Textmusik“, sagt Herreweghe, das interessiere ihn, „der Duktus der Worte, Phrasierung und Flexibilität der Poesie, das Zusammenspiel von Klang und Bedeutung“. Das wollte er mit seinen nur von einer Laute begleiteten sechs Sängerinnen und Sängern, die heute mit ihm das sommerliche Osterfestival eröffnen werden, weiterstudieren, als ihn die TT am Montag am Telefon erreichte. Deshalb war die Zeit knapp. Für das Konzert gibt es noch Restkarten. Beginn ist 20 Uhr.

Infos:

Mehr unter www.osterfestival.at

Kartenbüro: +43 5223/53808

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