„Hader on Ice“: Ein Boomer, der auf Eis tanzt

Josef Hader legt mit „Hader on Ice“ sein erstes Programm seit 2004 vor. Es geht (auch) ums Älterwerden. Die Premiere fand im Stadtsaal Wien statt.

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„Hader on Ice“ wird bis September in Wien gespielt. Termine im Innsbrucker Treibhaus sind in Planung.
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Von Barbara Wohlsein

Wien – „Sie san a bissl aufgeregt, stimmt’s?“ fragt Josef Hader das Publikum. Man müsse sich keine Sorgen machen, er habe alles im Griff – „bei meiner Premierenroutine“. Erster Lacher, Thema abgehakt. Nach 17 Jahren hat Josef Hader endlich ein neues Programm, halleluja. Wirklich weg war er natürlich nicht. Seit 2012 spielt er sein sehr fluides Best-of-Programm „Hader spielt Hader“ regelmäßig auch in Tirol.

Jetzt ist es aber so weit, „Hader on Ice“ ist fertig und muss raus. Die Rolle des nervösen Kabarettisten, der sich vor der eigenen Branche beweisen muss, liegt Josef Hader nicht. Deshalb macht er einfach da weiter, wo er aufgehört hat. Als monologisierende Kunstfigur. Dieser Hader ist ein richtiger Österreicher, ein bissl grantig, aber vor allem auf sich selbst. Er wohnt jetzt im Weinviertel, der „Toskana Österreichs, genauso überschätzt“. Schiach seien die Leut’, karg das Land. Aber er habe einfach rausmüssen aus der Stadt, weg vom Konsumwahn und vom Lärm. Ein Auto hat er noch, halb SUV, halb Sportwagen.

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Alte Bekannte, Verschwörungstheorien und ein Playboy

Im Weinviertel trifft er auf bewaffnete Bekannte, auf Jimmy, der immer vorm Billa steht, und auf seinen neuen imaginären Freund, den sprechenden Wolf Rudl. Hader erzählt und trinkt und redet von der Struktur, die einem das Trinken gibt. Lang dauert es nicht, bis die ersten Verschwörungstheorien kommen. Wem das bekannt vorkommt – diese Teile sind aus den Corona-Videos übernommen, die er 2020 auf Facebook veröffentlicht hat. Dass es danach in die Pause geht, tut gut. Irgendwie hat man von dem Thema schon genug gehört.

Im zweiten Teil von „Hader on Ice“ gibt es einen willkommenen Temperaturwechsel: Hader als Playboy, mit tief aufgeknöpftem Hemd und einem Selbstbewusstsein, das nur ein Mann mit einer viel zu jungen Frau haben kann (die hat ihn verlassen, aber egal). Bestens gelaunt erzählt er von seinem Lifestyle als Endfünfziger, von Chakren, Sternzeichen, dem Meeresspiegel und all den Dingen, die seine Generation kaputt gemacht hat – „wir, die alten Wichser mit den gefärbten Haaren“.

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Endlich kriegen auch die Rucola-Bobos ihr Fett weg: Man sei jetzt „edelgutlinksgrün“, es gehe ums ironische Konsumieren und um das persönliche Narrativ. Der Jimmy sei jetzt sein persönlicher Sklave, überhaupt fände er moderne Sklaverei durchaus eine Überlegung wert: „Menschen als Eigentum – nichts ist so gut geschützt wie Eigentum.“

Rasant geht es weiter zur Cancel-Culture im Internet, zum eigenen Lebensabend – Schlaganfall, Ehrenzeichen der Stadt Wien, Schlaganfall, Ehren-Romy. Plötzlich ist auch Wolf Rudl wieder da, die Fassade bröckelt, Hader ist zurück im Weinviertel und sieht ein, dass er gar nirgends mehr hin muss. „Somewhere Over The Rainbow“ am Klavier, Applaus.

Der „Hader on Ice“ hat die letzten 17 Jahre nicht verschlafen. Er ist sozial- und konsumkritisch, watscht Trends ab, durchschaut die Bösen und die Guten. Irgendwie wurde alles schon gesagt und trotzdem ist es schön, die Welt 2021 von Josef Hader erklärt zu bekommen.

Kopf des Tages: Österreichs größter Kleinkünstler

Geprobt hat Josef Hader sein neues Programm „Hader on Ice“ in den vergangenen Wochen im Innsbrucker Treibhaus-Turm. Aber das wussten nur Eingeweihte. Irgendwann – voraussichtlich im Spätherbst – wird er es dort auch ganz offiziell präsentieren. Am Donnerstag führte er es in Wien erstmals vor Publikum auf. Die ersten Kritiken sind euphorisch. Das lange Warten auf ein neues Programm der Kleinkunstgröße dürfte sich also gelohnt haben. Vor 17 Jahren hieß es „Hader muss weg“ – jetzt also liegt sein namensgleiches Bühnen-Alter-Ego auf Eis.

Untätig freilich war Josef Hader, Jahrgang 1962, in den vergangenen Jahren nicht. Er tourt mit seinem Best-of-bisher-Programm „Hader spielt Hader“ durch die Lande – und er trieb seine Filmkarriere voran. Die begann mit 1993 mit der Verfilmung seines gemeinsam mit Alfred Dorfer verfassten komischem Trauerspiels „Indien“, das davor schon ein veritabler Bühnenerfolg war. Sieben Jahre später stand er in „Komm, süßer Tod“ erstmals als derangierter Detektiv Brenner vor der Kamera. Bis 2015 folgten drei weitere Filme nach den Kriminalromanen von Wolf Haas.

Für seine Leistungen in „Ein halbes Leben“ von Nikolaus Leytner wurde Hader mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seine Darstellung von Stefan Zweig in „Vor der Morgenröte“ brachte ihm Nominierungen 2017 für den Österreichischen und den Europäischen Filmpreis ein. Im selben Jahr präsentierte er sich mit „Wilde Maus“ als vollkommener Autorenfilmer. In seinem auf einem eigenen Drehbuch basierenden Regiedebüt spielte er auch gleich die Hauptrolle – und begeisterte Kritik und Publikum gleichermaßen. „Wilde Maus“ war der erfolgreichste heimische Film des Kinojahres. Im Vorjahr gewann Hader für seinen Gastauftritt in „Nevrland“ den Österreichischen Filmpreis als bester Nebendarsteller.


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