Tempo 30 soll auch in Innsbruck Radunfälle reduzieren

Die Bewusstseinsbildung der vergangenen Jahre war erfolgreich: Viele fahren heute mit dem Rad statt mit dem Auto. Doch ihre Zahl wäre noch viel größer, wäre Radfahren auch wirklich sicher.

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In der Begleitung ihrer Eltern radelten Kinder gestern sicher durch Innsbruck.
© De Moor

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck –Ein deutlicher Indikator für eine radfreundliche Stadt mit entsprechender Infrastruktur ist laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) die Anzahl der Familien, die per Fahrrad unterwegs sind. Oder, wie Franz Mitterböck von der Radlobby Tirol meint: „wenn man sich traut, seine jüngeren Kinder, die einen Radführerschein haben, mit dem Fahrrad in die Schule oder zum Sport zu schicken“. Er selbst hat sich das in Innsbruck nicht getraut. „Es ist immer eine Frage der Verkehrssicherheit.“ Und die ist seiner Meinung nach nicht gegeben. Aber auch viele ältere Menschen, die gerne mit dem Rad fahren würden, wollen das für sie zu gefährliche Wagnis nicht eingehen, sagt er.

Bei der bundesweiten Aktion „Kidical Mass – Klein und Groß radelt durch Österreich“ gestern in Wien, Klagenfurt, Graz, Mödling, Dornbirn, Linz und auch in Innsbruck ging es darum, ein deutliches Zeichen zu setzen: Die von der Radlobby organisierte Fahrradparade unter dem Motto „gemeinsam und sicher durch die Stadt“ sollte ein Appell für mehr kindgerechte und sichere Fahrradwege sein, aber auch für eine zukunftsweisende, klimafreundliche Mobilität. In Innsbruck radelten rund 150 Teilnehmer durch die Stadt, Mitorganisator war das SOS-Kinderdorf. „Es geht darum, schwächere Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt wahr- und ernst zu nehmen“, sagt Mitterböck. Radfahrer, aber auch Fußgänger seien zu lange als Hindernisse für den motorisierten Verkehr auf die Seite geschoben worden.

Auf Schildern forderten die Teilnehmer ein Umdenken für mehr Verkehrssicherheit und eine umweltfreundliche Verkehrspolitik.

Die stetige Zunahme der Radunfälle in den vergangenen Jahren – 2015 waren es in Tirol noch 881, 2020 allein bis September bereits 1134 – zeigt, dass es beim Thema Sicherheit noch viel Nachholbedarf gibt. In der Statistik sind allerdings nicht nur Zusammenstöße mit Kraftfahrzeugen erfasst, sondern auch Unfälle etwa im Wald oder verursacht durch das Ausrutschen auf Straßenbahnschienen, wie Polizeisprecher Stefan Eder erläutert.

Vorbild Niederlande

In den Niederlanden, die europaweit als Vorbild für Fahrradfreundlichkeit gelten, fährt die Hälfte der Schüler mit dem Rad zur Schule. „Sie machen das, weil sie sich nicht bedroht fühlen“, sagt Christian Gratzer vom VCÖ. Das Tragen von Helmen sei zwar gut und wichtig, „aber sie verhindern keine Unfälle“. Dafür brauche es entsprechende Maßnahmen. Wie die Radlobby fordert auch der VCÖ als erste, kostengünstige Maßnahme der Verkehrspolitik Tempo 30 auf den Straßen. Mitterböck: „In Oslo und Brüssel, wo das bereits durchgesetzt wurde, ist die Zahl der Radunfälle signifikant gesunken. Und wenn es einmal doch zu einem Zusammenstoß kommt, sind die Verletzungen weniger schwer.“ Die Radlobbyisten fordern mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger, „weil beide an den Rand gedrängt werden, kommen sie sich gegenseitig in die Quere“. Eine weitere Maßnahme: Schwellen an Fußgänger- und Fahrradübergängen. Der Radmasterplan der Stadt Innsbruck sei ein „Restflächenprogramm“, es brauche ein umfangreiches Verkehrskonzept, Ziel sei ein umweltfreundlicher Verkehrsverbund.

Laut Teresa Kallsperger, Radkoordinatorin der Stadt Innsbruck, sieht der Masterplan Radverkehr 2030 mehr als 100 Maßnahmen vor, die sukzessive umgesetzt werden sollen und die letztlich den Radfahreranteil verdoppeln sollen. Ziel ist die Erhöhung der Sicherheit. Ein Alarmsignal: Im Vergleich zu den Unfällen im motorisierten Verkehr hat die Zahl der Radunfälle zugenommen, zuletzt gab es gleich mehrere sehr schwere Unfälle mit Radfahrerbeteiligung. Kallsperger räumt ein, dass es, sowohl was die Bewusstseinsbildung als auch die Infrastruktur betrifft, „noch viel Luft nach oben“ gebe. Beides müsse Hand in Hand gehen.


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