Wende im Mordfall Kufstein: 77-Jähriger aus Rache getötet?

Im Kufsteiner Mordfall zeichnet sich eine dramatische Wende ab: Laut Anwalt könnte der Verdächtige seinen früheren Nachbarn wegen eines Missbrauchs erstochen haben.

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Am Freitag besuchte Anwalt Swancar den Mordverdächtigen in der Innsbrucker Justizanstalt.
© Rudy de Moor

Kufstein – War der Kufsteiner Mordverdächtige einst auch Opfer und das Mordopfer ein Täter? Das glaubt zumindest der Innsbrucker Anwalt Alexander Swancar, der die Vertretung des 29-jährigen Beschuldigten übernommen hat. Die Recherchen des Strafverteidigers ergaben ein Bild, das sich vom bisherigen Ermittlungsstand auf dramatische Weise unterscheidet. „Opfer und mein Mandant haben sich sehr wohl gekannt, sie waren einst Nachbarn“, weiß inzwischen Swancar, der im Gewaltverbrechen die Nachwehen eines lange zurückliegenden sexuellen Missbrauchs vermutet.

Doch der Reihe nach: Wie berichtet, ist am späten Montagnachmittag in einem Waldstück am Kufsteiner Innufer ein 77-jähriger Einheimischer mit einem Küchenmesser hinterrücks erstochen worden. Der Fall schien rasch geklärt. Gegen 19 Uhr tauchte ein 29-jähriger Kufsteiner in der örtlichen Polizeiinspektion auf und gestand die Bluttat. Als Beweis übergab der bislang unbescholtene Mann den Beamten ein Messer – die Tatwaffe. Bei der Einvernahme nannte der Verdächtige wenig später auch das Motiv. Und das war sogar für die erfahrenen Kriminalbeamten außergewöhnlich.

Der 29-Jährige gab an, einen ihm unbekannten Menschen getötet zu haben, um ins Gefängnis zu kommen, da er mit seinem Leben nicht mehr zufrieden sei. „Der Beschuldigte war nüchtern, seine Aussage klar“, erzählte Katja Tersch, Leiterin des Landeskriminalamtes. Weiters erfuhren die Ermittler, dass der Beschuldigte einen Mord schon seit Wochen geplant hatte. Der 77-Jährige war offenbar zur falschen Zeit am falschen Ort, als er im Ortsteil Endach vom 29-Jährigen zum Innufer gelockt wurde.

Das vorgebrachte Motiv weckte aber auch Zweifel. Etwa bei der bekannten Wiener Psychiaterin Sigrun Roßmanith, die eine Diskrepanz zwischen der aggressiven Tötungshandlung und dem vermeintlichen Auslöser vermutet.

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Vater des 29-Jährigen spricht von Missbrauch

Das sieht auch Anwalt Swancar so. Der Innsbrucker Strafverteidiger geht davon aus, dass sein Mandant den 77-Jährigen gezielt getötet hat: „Ich weiß vom Vater des Beschuldigten, dass das Opfer einst ein Nachbar der Familie war.“ Der Vater war es auch, der dem Anwalt von mehreren Missbrauchsfällen erzählte, die bereits Jahrzehnte zurückliegen. Das jetzige Opfer war damals angeblich der Täter: „Der Vater gibt an, in jungen Jahren selbst vom Nachbarn missbraucht worden zu sein. Es soll noch weitere, damals sechs bis acht Jahre alte Opfer geben, alles Buben“, erklärt Swancar: „Weiters glaubt der Vater, dass auch sein Sohn vom Nachbarn sexuell missbraucht wurde.“ Der Bub sei plötzlich sehr verschlossen gewesen und habe sich zurückgezogen.

Der Anwalt hat auch für die späte Vergeltung eine Erklärung: „Mein Mandant hat sich im vergangenen Winter einer psychiatrischen Behandlung unterzogen. Vermutlich sind da die alten Wunden wieder aufgebrochen.“

Das glaubt doch kein Mensch, dass zufällig jemand umgebracht wird, der früher der Nachbar war.
Rechtsanwalt Alexander Swancar

Bei einem Besuch in der Justizanstalt hat Swancar am Freitag seinen Mandanten mit der Vergangenheit konfrontiert. Kein einfaches Gespräch – „Missbrauchsopfer tun sich schwer, darüber zu reden“, weiß der Anwalt von anderen Fällen. Schlussendlich habe der Beschuldigte eingeräumt, er glaube, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Für den Verteidiger ist das schlüssig: „Es glaubt doch kein Mensch, dass zufällig jemand umgebracht wird, der früher der Nachbar war.“

Der Anwalt hat mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft über die neue Entwicklung informiert. Jetzt rechnet Swancar mit weiteren Ermittlungen. Von Interesse sei vor allem die Hinterlassenschaft des alleinstehenden 77-Jährigen. „Es muss geprüft werden, ob Hinweise auf Missbrauchshandlungen wie etwa Fotos etc. existieren.“


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