„Apokalypse": Fünf Tote und 200 Verletzte durch Tornado in Tschechien

Eine „Situation wie im Krieg": Ein Tornado hat im Südosten Tschechiens ganze Dörfer zerstört, es gibt mindestens fünf Tote und mehr als 200 Verletzte. Die Rettungskräfte sind im Großeinsatz. Hilfe kommt auch aus Österreich.

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Die Katastrophe ereignete sich etwa 270 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Prag. Der Tornado erreichte nach Auskunft eines TV-Meteorologen eine Geschwindigkeit von bis zu rund 330km/h.
© MICHAL CIZEK

Prag/Breclav /Wien – Bei einem Unwetter mit einem Tornado sind im Südosten Tschechiens am Donnerstagabend mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Es gibt rund 200 Verletzte, davon mussten knapp 60 stationär im Krankenhaus behandelt werden. In mehreren Dörfern wurden Häuser dem Erdboden gleichgemacht, Dächer abgedeckt, Fensterscheiben zerstört, Bäume sind umgestürzt, Stromleitungen niedergerissen und Autos umhergeschleudert worden.

Ministerpräsident Andrej Babis nannte die Naturkatastrophe eine „Apokalypse" für Tschechien, wie er sie nie zuvor gesehen habe. Der Tornado habe rund 2000 Häuser beschädigt, der Schaden belaufe sich auf Hunderte Millionen Tschechische Kronen. Er drückte vor Journalisten in Brüssel den Angehörigen der drei Todesopfer Mitgefühl aus und kündigte an, seine Regierung werde allen Betroffenen möglichst rasch helfen. Man werde auch versuchen, Mittel aus dem EU-Krisenfonds zu lukrieren, wie Kroatien nach einem schweren Erdbeben im Jahr 2020. Babis sagte weiters, er habe bereits mit dem slowakischen Regierungschef Eduard Heger, Ungarns Premier Viktor Orban und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) über die ausländischen Hilfseinsätze gesprochen, und er bedankte sich bei allen Einsatzkräften und Helfern.

Bildergalerie: Das Ausmaß der Zerstörung

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Hilfe war in der Nacht auch von österreichischer Seite gekommen. Zwei Schwerverletzte, ein etwa 50-Jähriger und eine Jugendliche, wurden in Wiener Spitälern versorgt. Sie waren waren kurz vor Mitternacht ins AKH bzw. in die Klinik Donaustadt gebracht worden. Während sich der Zustand des Mannes offenbar sehr gut entwickelte, musste die junge Frau in künstlichen Tiefschaft versetzt werden.

„Einer der Schwerverletzten ist nach einer Notoperation mittlerweile stabil, um das Leben einer zweiten Patientin wird zur Stunde noch gerungenen“, sagte Michael Binder, Medizinischer Direktor des Wiener Gesundheitsverbundes Freitagvormittag. Der Mann war noch in der Nacht operiert worden, sein Zustand habe sich sehr gut entwickelt und galt als stabil, hieß es dann am Nachmittag. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte hielten sogar seine Entlassung aus dem Spital Anfang nächster Woche für möglich. Der Zustand der 15-Jährigen sei stabil, es könne aber noch keine Entwarnung gegeben werden, erfuhr die APA von einem Sprecher des Gesundheitsverbunds.

Auch das niederösterreichische Rote Kreuz rückte mit Hilfsmannschaften aus. Den Helfern boten sich „erdrückende Bilder". „Aus allen Himmelsrichtungen" seien die Verletzten vor allem zu Beginn auf die Helfer zugeströmt, beschrieb Patrick Wolfram vom NÖ Roten Kreuz die Szenerie. „Häuser und Infrastruktur waren völlig zerstört. Man kennt das sonst nur aus den Vereinigten Staaten, aus den klassischen Hurrikan-Gebieten."

📽️ Video | Mindestens fünf Tote nach Tornado in Tschechien

Die Christophorus-Teams halfen laut Ralph Schüller, Sprecher der ÖAMTC-Flugrettung, bei der Bergung, nachdem der Tornado einen Bus gut 70 Meter weit von der Straße in ein Feld gefegt hatte. Dort habe es wohl Tote und etliche Schwerverletzte gegeben. Der Unfallort lag bei Mikulčice (deutsch Mikultschitz, auch Nickoltschitz, Nikolschitz), ein Dorf mit rund 2000 Einwohnern in der Region Jihomoravský kraj.

„Eine gewaltige Katastrophe"

Die Katastrophe ereignete sich etwa 270 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Prag. Der Tornado hatte sieben Dörfer in der Region Südmähren nahe der Grenze zu Österreich verwüstet. Die Situation dort sei wie in einem Krieg, sagte Gesundheitsminister Adam Vojtech im TV. Alle verfügbaren Einsatzkräfte waren im Einsatz, so Innenminister Jan Hamacek, der von einer „gewaltigen Katastrophe" sprach. „Alles, was Arme und Beine hat, fährt dorthin."

Die Suche nach möglichen Verschütteten dauerte am Freitag an. Hunderte Feuerwehrleute gingen in den zerstörten Gemeinden von Haus zu Haus. Spürhunde halfen bei der Suche. Aus anderen Teilen des Landes machte sich weitere Verstärkung auf den Weg. Die Armee schickte Soldaten mit schwerer Technik.

„Hier herrscht großes Chaos, große Panik", sagte ein Augenzeuge in der Gemeinde Luzice (Luschitz) dem Sender CT. Viele Häuser sollen einsturzgefährdet sein. Die Polizei sperrte die Zufahrtswege zu mehreren Orten, um Schaulustige fernzuhalten.

📽️ Video | Dreiminütiges Video des Fernsehsenders CT24

Tornado der Stufen F3 bis F4

Auf Bildern und Videos in den sozialen Medien war eine gewaltige Windhose zu sehen. Der Wetterdienst CHMU bestätigte später, dass es sich um einen Tornado gehandelt habe. Ein Meteorologe des tschechischen Fernsehens erklärte, es habe sich offenbar um einen Tornado der Stufen F3 bis F4 gehandelt, mit einer Geschwindigkeit von mehr als 330km/h. Davon geht auch ein Experte der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) aus. Die Abklärungen liefen noch. In Tschechien gilt ein Tornado als seltene Erscheinung, den letzten hatte es vor drei Jahren gegeben. In Österreich ereignen sich pro Jahr durchschnittlich vier Tornados.

Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hatte der Tornado eine für Europa außergewöhnliche Stärke. „Das sind solche Kräfte, die dort entstehen, dass wirklich Autos Hunderte Meter weit durch die Luft fliegen, das Trümmerteile sich in Betonwände bohren", sagte Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des DW. Er gehe anhand der Schäden, die er auf den Bildern aus Tschechien gesehen habe, von Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 400 Kilometern pro Stunde aus. Das sei „ein Tornado, der in dieser Stärke in Europa bisher nur selten vorkam".

75.000 Haushalte noch ohne Strom

Die Autobahn D2, die von Brünn (Brno) nach Breclav und weiter in die Slowakei führt, war stundenlang nicht befahrbar. Eine Hochspannungsleitung war auf die Fahrbahn gestürzt. In der Früh wurde eine Fahrspur freigegeben, es kam zu Staus. Landesweit waren noch rund 75.000 Haushalte ohne Elektrizität.

Das niederösterreichische Rote Kreuz war noch in den späten Abendstunden mit rund 40 Fahrzeugen und mehr als 100 Helfern in den Südosten Tschechiens ausgerückt. Auf den Weg machten sich nach Angaben von Sprecherin Sonja Kellner auch drei mit Feldbetten und Decken beladene Lkw. An Ort und Stelle waren die Kräfte aus dem Bundesland laut Kellner während der "chaotischen Phase", die den Beginn von vielen Katastrophenfällen begleitet. Versorgt wurden von den Niederösterreichern etwa 30 Menschen, eine Person wurde in ein Krankenhaus transportiert. Abgeschlossen wurde der Einsatz seitens des Roten Kreuzes noch in der Nacht auf Freitag. "Die Kräfte vor Ort waren soweit, dass sie übernehmen konnten", sagte Kellner.

Notruf NÖ teilte auf Anfrage mit, dass keine Verletzten aus Tschechien in niederösterreichische Landeskliniken gebracht worden seien. Am Donnerstag in den Abendstunden waren alle Krankenhäuser im Weinviertel, jene in St. Pölten und Wiener Neustadt sowie Wiener Spitäler hinsichtlich möglicher Patienten vorinformiert worden.

📽️ Video | ORF-Reporter Rohrhofer aus Moravská Nová Ves

„Ein merkwürdiges Dröhnen, dann begann die Hölle"

Besonders betroffen waren die Gemeinden Hrusky (Birnbaum) mit knapp 1500 und Moravska Nova Ves (Mährisch Neudorf) mit rund 2600 Einwohnern. Der stellvertretende Bürgermeister Hruskys sagte der Agentur CTK, dass der halbe Ort dem Erdboden gleichgemacht worden sei. „Geblieben sind nur die Mauern, ohne Dach, ohne Fenster", sagte er. Die Menschen hätten sich vor dem Unwetter nicht schützen können. Viele Einwohner der betroffenen Gemeinden standen unter Schock. „Auf einmal habe ich ein merkwürdiges Dröhnen gehört, als ob ein Zug näherkommen würde“, sagte ein Augenzeuge der Zeitung Pravo. „Dann begann die Hölle, alles flog herum.“ Sein Haus habe kein Dach mehr, keine Zimmerdecke, keine Fenster, berichtete ein anderer.

Erst kamen Unwetter und Hagel, dann der Tornado: von vielen Häusern stehen nur noch die Mauern.
© dpa

Den ganzen Abend waren schwere Sommergewitter durch Südmähren gezogen, das für seine Weinanbaugebiete bekannt ist. Die Notrufleitungen waren überlastet. In den Verwaltungsbezirken Breclav (Lundenburg) und Hodonin fielen nach Berichten in den sozialen Medien tennisballgroße Hagelkörner. Am Schloss Valtice (Feldsberg), das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, entstand ein Millionenschaden. An dem Barockbau aus dem 17. Jahrhundert barsten zahlreiche Fensterscheiben.

Kurz dankte den österreichischen Helfern

„Unser Mitgefühl gilt den Opfern und den Familien der Opfer", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am EU-Gipfel in Brüssel zu den Vorfällen. Kurz dankte in den frühen Morgenstunden des Freitag den österreichischen Einsatzkräften, die grenzüberschreitend tätig seien und versuchten, einen Beitrag zu leisten. Der tschechische Regierungschef Andrej Babis ließ mitteilen, dass er wegen des Wetters in Europa nicht mit dem Flugzeug aus Brüssel zurückkehren könne, wo er ebenfalls am Gipfel teilnimmt. Er versprach, das Unglücksgebiet am Nachmittag nach seiner Rückkehr aus Brüssel zu besuchen. (APA/dpa/CTK)

💡 Infobox: Tornados

➤ Tornados sind Wirbelstürme, die bei großen Temperaturunterschieden entstehen. Sie erreichen im Extremfall Windgeschwindigkeiten von mehreren hundert Stundenkilometern, bringen es in der Regel aber auf Tempo 120 in den Böen. Den im Volksmund gebräuchlichen Begriff „Windhose" benutzen Meteorologen selten, weil er das meist folgenreiche Wetterphänomen ihrer Ansicht nach verniedlicht.

➤ Tornados können aufgrund ihres zum Teil sekundenschnellen Entstehens oft nicht vorausgesagt werden. Ein Tornado bildet sich nach Angaben von Experten nur unter bestimmten Konstellationen. Wichtige „Zutaten" sind: große Wolken, Gewitter und unterschiedliche Windrichtungen in verschiedenen Höhen. In diesem Gefüge entsteht eine rotierende Bewegung in der eigentlichen Wolke, die nach unten herauswächst und als "Rüssel" sichtbar wird.

➤ 2018 wurde etwa im Burgenland eine Vorstufe eines Tornados, eine sogenannte Trichterwolke, gesichtet. Und 2017 verursachte ein Tornado in der Schwechater Gegend eine zumindest einen Kilometer lange Schadenspur, vor allem durch Getreidefelder. Auslöser für den Wirbelsturm war damals eine sogenannte Superzelle, besonders starke Gewitterzellen, die nur unter bestimmten Bedingungen entstehen.

➤ In Österreich kommt es laut ZAMG durchschnittlich vier Mal im Jahr zu einem Tornado. Von 1951 bis 2010 wurden geschätzt rund 100 Tornados in Österreich registriert.


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