Lustvoll inszeniertes kreatives Desaster in den Tiroler Landesmuseen

Die Suche des Künstlerkollektivs Gelitin nach der „Schönheit im Hässlichen“ in den Tiroler Landesmuseen fällt nicht ganz jugendfrei aus.

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Besser als jede Therapiestunde: Eine Auszeit auf dem Sofa von Gelitin, einem Verschnitt aus jenen von Franz West und Sigmund Freud.
© Gelitin/Maria Kirchner

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Das an der Fassade des Ferdinandeums hängende Plakat, auf dem vier fast nackte Männer und zwei Frauen in lustvollen Verrenkungen zu so etwas wie einer lebendigen Skulptur werden, stimmt darauf ein, dass das, was den Besucher indoor erwartet, nicht vielleicht schon die Vorboten des bevorstehenden musealen Umbaus sind. Sondern die Wiener Künstlergruppe Gelitin hier radikal zugange war, um den altehrwürdigen Musentempel mit ihrer sehr speziellen Kunst zu infiltrieren.

Dass das kein bildungsbürgerliches Wohlfühlprogramm werden wird, muss wohl jedem klar sein, der das Kollektiv aus Ali Janka, Wolfgang Gantner, Tobias Urban und Florian Reither kennt, die seit rund 30 Jahren weltweit mit großem Erfolg lustvoll provozierend unterwegs sind. Um sich bei ihren Projekten immer intensiv auf den jeweiligen Ort einzulassen, im Moment auf die Tiroler Landesmuseen. Wie die „anregenden Einblicke von Gelitin in unsere Häuser und Sammlungen ausfallen“ freut Museumsdirektor Peter Assmann jedenfalls genauso wie den Sammlungsleiter für die Moderne, Florian Waldvogel, auf dessen Vorschlag Gelitin eingeladen wurde.

Für „normale“ Geschmäcker desaströs dekonstruiert

Sie haben bereits vor zwei Wochen im musealen Erdgeschoß ihre „Werkstatt“ eingerichtet. In den Resten der von der vergangenen Defregger-Schau stehen gebliebenen Ausstellungsarchitektur, die sie ganz in ihrem Sinn für „normale“ Geschmäcker desaströs dekonstruiert haben. Bisweilen aber auch liebevoll ergänzt, etwa mit einem weißen Etwas, das durchaus als Zitat des im Volkskunstmuseum hängenden „Vogel Selbsterkenntnis“ durchgehen könnte. In dieser „Werkstatt“ hat Gelitin aber auch aus vorgefundenen Holzlatten den mehr als 20 Meter hohen schiefen Turm zusammengeschraubt, der das Ferdinandeum vom Erdgeschoß bis in den dritten Stock infiltriert, um auf diese Weise völlig ungewohnte, vielleicht seherische Perspektiven zu eröffnen.

In ihrer „Werkstatt“ werden Gelitin, unterstützt von einem Dutzend äußerst freizügig gewandeter „Schwestern“ und „Brüder“, in den kommenden drei Wochen eifrig töpfern. Nebenan gibt es Videos zu sehen, die mit den diversen landesmusealen Häusern bzw. Sammlungen zu tun haben. Und teilweise nicht wirklich jugendfrei sind. Wenn in einem der Streifen etwa ausgestopfte Tiere und sehr lebendige Menschen orgiastisch sexuell zugange sind oder in einem anderen eine Frau mit den Beinen eines Stuhls aus dem Volkskunstmuseum penetriert wird. Aber auch an so „Heilige Kühe“ wie die Hofkirche wagen sich Gelitin. Um neben den „Schwarzen Mandern“ leicht geschürzte „Weiber“ so etwas wie volkstanzen oder durch die künstliche Landschaft des Riesenrundgemäldes am Bergisel einen meterlangen Menschenwurm kriechen zu lassen.

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Tagespolitik sei ihnen fern, sagt Gelitin-Mann Florian Reither, ebenso ginge es ihnen nie um Provokation der Provokation wegen. Liege diese doch genauso wie die Interpretation ihrer Kunst ganz im Auge des Betrachters. Dass es dabei um das Infragestellen traditioneller Sehweisen und Werte in bisweilen verstörender, die Grenzen des Erträglichen auslotender Radikalität geht, ist allerdings unübersehbar.

Neben dem riesigen Sofa wieder ganz klein

Subtil provokant ist das riesige Sofa, das Gelitin ins erste Obergeschoß gestellt haben: ein raffinierter Verschnitt aus jenen von Franz West und Sigmund Freud. Durch die Verschiebung des Maßstäblichen fühlt man sich neben ihm ganz klein, wird wieder zum Kind. Es zu besitzen, sei besser als jede Therapiestunde, meint Florian Reither. Ob das stimmt, kann der Ausstellungsbesucher selbst ausprobieren.

Dass es Gelitin aber auch fast klassisch skulptural können, zeigt eine wunderbar in sich selbst schauende weiße Figur. Das aus Holzlatten gezimmerte Balkönchen, das Gelitin von der Barockgalerie in den musealen Freiraum gebaut haben zu betreten, ist ein Muss, wenn auch nur für Schwindelfreie empfehlenswert.

Infos

  • Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Museumstraße 15, Innsbruck;

bis 26. Oktober, Di–So 10–18 Uhr.

  • Gelitin-Eröffnungstage heute 17–21, morgen 17–18.30 Uhr

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