Experten: Krebsbehandlung wird gezielter und reflektierter

Insgesamt setze sich der große Trend fort „gezielter an das Problem heranzugehen", sagte Wolfgang Hilbe von Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) in einem von der Vereinigung organisierten Pressegespräch. Habe man sich noch vor 20 Jahren „an kleinen Dingen erfreut", sehe man jetzt eindeutige Fortschritte bei der Betrachtung von Überlebenskurven in klinischen Studien.

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Wien – In der Krebstherapie geht der Trend weiter in Richtung gezielter, aber auch reflektierter, erklärten österreichische Mediziner am Freitag. Neue Ansätze zum vermehrten Einsatz von Therapien, die das Immunsystem dazu anregen, sich zielgerichtet gegen einen Tumor zu wenden, seien immer weniger wegzudenken. Das habe das Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology (ASCO) kürzlich u.a. gezeigt. Hierzulande sei man bei der Anwendung der Erkenntnisse recht rasch zur Hand.

Acht österreichische ärztliche Fachgesellschaften tauschen sich bis morgen im Rahmen der „Best of ASCO 2021"-Konferenz in Wien zu den Ergebnissen des renommierten US-Kongresses über "onkologische Innovationen für die klinische Praxis" aus. Insgesamt setze sich der große Trend fort „gezielter an das Problem heranzugehen", sagte Wolfgang Hilbe von Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) in einem von der Vereinigung organisierten Pressegespräch. Habe man sich noch vor 20 Jahren "an kleinen Dingen erfreut", sehe man jetzt eindeutige Fortschritte bei der Betrachtung von Überlebenskurven in klinischen Studien.4

Behandlungen auf Patienten zuschneidern

Das liege daran, dass man den individuellen Tumor immer besser erkennen und entsprechende Behandlungen und Therapiekombinationen auf den speziellen Patienten zuschneidern könne. Die Basis dafür sind große Fortschritte in der Gensequenzierung und der molekularen Typisierung: „Wir wollen den Tumor erkennen", sagte Hilbe. Dazu kommen die fortschreitenden Versuche, zu erkennen, wie die körpereigene Abwehr Krebszellen erkennt bzw. wie auf sie angesetzt werden kann. Im Rahmen von Immuntherapien können man wirklich „gezielt arbeiten lassen", so der Onkologe.

Der Schlüssel liege aber nicht nur in der Forschung und in Österreich oft raschen Umsetzung neuer Ansätze in der klinischen Praxis, sondern auch in der Teilnahme an den notwendigen klinischen Studien, die erst die notwendigen Erkenntnisse liefern. „Wir könnten all diese Studien nicht präsentieren, wenn nicht Patienten daran teilnehmen", betonte Christian Schauer von der Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie. Leider gebe es hier immer wieder auch viel Skepsis, die teils auch durch Fake-News und Missinformation online geschürt werde, was die Rekrutierung erschwere.

Man müsse aber herausstreichen, dass die Patienten selbst mitunter deutlich von neuen Wirkstoffen und Herangehensweisen profitieren. Nicht zu unterschätzen sei entsprechend auch der Wert einer Teilnahme für künftige Erkrankte. Aktuell habe man hierzulande rund 5000 Patienten in klinischen Studien, ergänzte Hilbe.

Neben einer Vielzahl an vielversprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zur Kombination von Chemo-, Strahlen- und Immuntherapien bei unterschiedlichsten Tumorarten, habe sich beim ASCO-Kongress auch gezeigt, „dass mehr nicht immer besser ist", sagte Schauer. Beim leider häufigen Gebärmutterkarzinom habe etwa eine italienische Studie illustriert, dass es über zehn Jahre hinweg kaum Unterschiede bei der Überlebenswahrscheinlichkeit zwischen in der Nachsorge sehr engmaschig betreuten Frauen und weniger oft beispielsweise beim Frauenarzt vorstellig gewordenen Patientinnen bestand. „Es ist eine sehr mutige Studie. Es ist herausgekommen, dass wir die Patientinnen nicht in dreimonatigen Abständen untersuchen müssen", sagte Schauer.

Höchste Dosis hat nicht immer die größte Wirkung

Auch bei der Medikamentengabe zeige sich, dass nicht immer die höchste Dosis längerfristig mehr Wirkung zeitige. Zu mehr Reflexion im Nachgang von glücklicherweise fast immer erfolgreichen Behandlungen des vor allem bei jüngeren Männern auftretenden Hodenkrebs mahne auch eine skandinavische Studie. Jahrzehnte nach der Therapie zeige sich im Schnitt, dass die Betroffenen kürzer Leben. Chemo- oder Strahlentherapie heilen eben nicht nur, konstatierte Wolfgang Loidl von der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie. Man müsse daher Patienten auch weiter präventiv begleiten und etwa dem Auftreten von Herzerkrankungen oder Sekundärkarzinomen entgegenwirken. „Wir müssen das profilaktisch dem Patienten mitgeben", betonte Loidl.

Genetische Analyse des Tumors zunehmend Standard

Weit gezielter wurde jedenfalls der Blick auf den Tumor selbst: „Bei mehr als die Hälfte aller malignen Tumorerkrankungen ist genetische Analyse schon Standard", betonte Gerald Höfler von der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie. Der Blick auf wenige, für die Therapiegestaltung aussagekräftige Gene, werde zunehmend Standard. Das gelte in ausgewählten Fällen auch für große Genomanalysen, die ebenfalls schneller und günstiger werden. Je mehr man über den Tumor weiß, desto eher kann in Abstimmung mit dem Kliniker die Behandlung optimiert werden, so der Experte. (APA)


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