Neues Album von Lucy Dacus: Harmlos ist hier gar nichts

Auf ihrem dritten Album „Home Video“ schickt Lucy Dacus ihre Heimat mit schmerzhaft-schönen Songs endgültig zum Teufel.

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Ihre Stimme klingt dann am hellsten, wenn das, was besungen wird, ins Dunkelschwarze kippt: Lucy Dacus bei einem Auftritt 2018 in New York.
© imago

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Lucy Dacus’ Laufbahn begann mit einer Absichtsbekundung: „I Don’t Wanna Be Funny Anymore“ hieß ihre Debütsingle. Das war Ende 2015. Dacus war gerade 20 geworden – und hatte es anständig satt, als irgendwie komisch abgestempelt zu werden. Dass Dacus trotz selbstbewusst rotziger Gitarrenmusik und mächtig Mut zur Melodie, die auch ihren ersten beiden Alben „No Burden“ (2016) und „Historian“ (2018) hymnische Besprechungen einbrachten, ein Geheimtipp blieb, verwundert beinahe ein bisschen. Ihre dritte Platte „Home Video“, die seit diesem Wochenende gekauft oder gestreamt werden kann, dürfte das ändern: „Home Video“ klingt verdächtig nach Durchbruch – noch eigensinniger und trotzdem noch eingängiger als Dacus’ bisherige Veröffentlichungen.

„Home Video“ – schon der Titel deutet es an – ist eine Auseinandersetzung mit Heimat, der eigenen Herkunft und gemachten Erfahrungen. Allerdings keine sonderlich nostalgische. Dacus schickt Heimat und alles Heimelige mit hinterfotzig-wohligen Klängen zum Teufel.

Über schummrigem Synthie-Teppich erinnert sie sich etwa in dem Lied „Thumbs“ an den Vater einer Freundin, dem sie – wenn man sie nur ließe – am liebsten und mit gutem Grund an die Gurgel ginge. Harmlos ist hier gar nichts. Und eine Bibelschule irgendwo im Nirgendwo des amerikanischen Mittelwestens schon gar nicht. Eine solche besingt Dacus im zunächst herausfordernd nach Country klingenden „VBS“, das sich als Teenagerromanze tarnt – und in sinistren Zeilen die Heuchelei der besonders Braven vorführt.

Erleuchtung oder wenigstens Erleichterung liefern hier keine heiligen Schriften, sondern Slayer-Songs. Sie erlauben die vorübergehende Flucht aus einer Welt, in der die blutunterlaufenen Folgen jugendlichen Übermuts mit einer Extraschicht Make-up verkleistert werden müssen. Dass Dacus’ Stimme gerade dann am hellsten klingt, wenn das, was sie besingt, ins Dunkelschwarze kippt, macht ihre Songs besonders schmerzhaft. Und besonders schön.

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Zugegeben: Dieses Verfahren hat Lucy Dacus wahrlich nicht erfunden. Aber in den schaurig-schönsten Momenten von „Home Video“ – beim Opener „Hot & Heavy“ zum Beispiel, bei „First Time“ oder der Up-tempo-Abrechnung „Brando“ – hat sie es perfektioniert.

Alternative Lucy Dacus: Home Video. Matador Records/Indigo.


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