Zielgerichtete Lungenkrebstherapie macht Fortschritte

Der Vorteil der zielgerichteten medikamentösen Therapie bei Krebserkrankungen liegt vor allem in ihrer Wirksamkeit, in relativ geringen Nebenwirkungen und in der Chance, eine herkömmliche Chemotherapie zu vermeiden oder zumindest hinauszuschieben.

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Wien – Mit den ersten zielgerichteten Krebsmedikamenten eröffneten sich vor gut einem Jahrzehnt neue wirksame Behandlungsmöglichkeiten für etwa zehn Prozent der Lungenkarzinompatienten. "Jetzt sind wir schon bei rund 30 Prozent angekommen", sagte Maximilian Hochmair, Lungenkrebsspezialist an der Klinik Floridsdorf, gegenüber der APA. Er und ein internationales Wissenschafterteam konnten jetzt den starken Effekt eines weiteren derartigen Arzneimittels in der Routineanwendung belegen.

"Der Vorteil, den wir in Österreich haben, besteht darin, dass bei uns jeder Patient, der mit einer Lungenkrebsdiagnose zu uns kommt, auf mittlerweile schon um die 50 möglicher Genmutationen in Tumorgewebe getestet wird. Mit der Entwicklung immer neuer Medikamente für eine zielgerichtete Therapie, können wir auch immer mehr der Betroffenen auf diese Weise behandeln", erklärte der Experte.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass bei vielen Krebserkrankungen weniger das betroffene Organ als die spezifischen genetischen Bedingungen, die zu der Krankheit führen, ausschlaggebend sind. Am Anfang standen hier beim Lungenkrebs vor rund 15 Jahren Karzinomformen, die auf Mutationen im EGFR-Gen zurückgehen und mit EGFR-Inhibitoren behandelt werden konnten. "Mittlerweile gibt es bereits viele solcher Arzneimittel, die jeweils spezifisch bei bestimmten 'Treiber-Mutationen' ansetzen", sagte der Onkologe, wissenschaftlich im Rahmen des Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und pneumologische Onkologie tätig.

Gezielt behandelbare Lungenkarzinom-Form

Eine erst seit kurzem gezielt behandelbare Lungenkarzinom-Form ist durch Veränderungen im RET-Gen charakterisiert. "Das betrifft ein bis zwei Prozent der Patienten mit einem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom. Sie sind oft im Durchschnitt etwas jünger und oft weniger starke Raucher oder Nichtraucher. Zur Behandlung dieser Patienten mit einem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom und einem positiven Befund auf eine RET-Fusionsmutation wurde im April dieses Jahres das Medikament Selpercatinib für die Behandlung nach Wirkungsverlust oder Fehlschlagen einer medikamentösen Ersttherapie zugelassen. Wir hatten es – wie andere internationale Zentren auch – bereits vorher im Rahmen eines speziellen Programms vom Hersteller Eli Lilly erhalten", erklärte der Pneumo-Onkologe.

RET-Mutationen finden sich häufiger bei bestimmten Schilddrüsenkarzinomen, aber eben auch bei nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen. "Nach der Zulassung durch die Arzneimittelbehörde (EMA für die EU, Anm.) war es wichtig, den Effekt auch in der Routinepraxis zu belegen. Wir haben das in einem internationalen Netzwerk von 27 Zentren und mit 50 Patienten versucht", sagte Hochmair.

Die Daten stammten von 50 Patienten im Durchschnittsalter von 65 Jahren (74 Prozent Nichtraucher). Bei 32 Prozent hatten sich bereits Gehirnmetastasen eingestellt. Nach Diagnose und der Untersuchung von Gewebeproben auf Mutationen (mit Bestätigung einer RET-Mutation) erhielten sie zweimal täglich Kapseln mit dem Wirktstoff Selpercatinib (320 Milligramm pro Tag). Bei 37 der Patienten handelte es sich um Kranke, die schon drei verschiedene Therapieformen hinter sich hatten.

Ausgesprochen gute Ergebnisse

Die Ergebnisse waren ausgesprochen gut: 68 Prozent der Behandelten zeigten ein objekiv messbares Ansprechen. Bei 92 Prozent konnte eine Kontrolle der Krankheit erreicht werden. Im Mittel schritt die Krankheit fast 16 Monate nicht weiter voran. Ein Ansprechen zu hundert Prozent wurde bei acht Patienten mit Gehirnmetastasen registriert. "Dabei war die Therapie gut verträglich", sagte Hochmair. Es hätten sich am ehesten Trockenheit im Mund, Müdigkeit etc. eingestellt. Die Überlebensrate ohne Fortschreiten der Erkrankung betrug nach sechs Monaten 87 Prozent, nach zwölf Monaten immerhin noch 58 Prozent.

Der Vorteil der zielgerichteten medikamentösen Therapie bei Krebserkrankungen liegt vor allem in ihrer Wirksamkeit, in relativ geringen Nebenwirkungen und in der Chance, eine herkömmliche Chemotherapie zu vermeiden oder zumindest hinauszuschieben. Rund 5000 Menschen erkranken in Österreich jedes Jahr an einem Lungenkarzinom. Etwa 4000 Menschen sterben daran. Durch Nichtrauchen wären gut 90 Prozent der Erkrankungen verhinderbar. Ein Früherkennungsprogramm mittels regelmäßiger Computertomografie-Untersuchungen von Hochrisikopersonen (langjährige Raucher) könnte etwa ein Viertel der Todesfälle vermeiden helfen. Die Studie ist in "Therapeutic Advances in Medical Oncology" erschienen. (APA)


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