Seehofer spricht nach Würzburg-Attacke von gescheiterter Integration

Im Interview sagte der deutsche Bundesinnenminister: „Wenn ein junger Mann sechs Jahre in einem Obdachlosenheim lebt, ohne dass jemand hinschaut und sich kümmert, dann kann ich mit unserer Politik nicht zufrieden sein, da fehlt es am Bewusstsein.“

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Immer noch ist unklar, was den Täter zu der grausamen Tat in der Würzburger Innenstadt getrieben hat.
© HMB Media/Julien Becker via www.imago-images.de

Berlin – Nach der Messerattacke von Würzburg mit drei Toten sieht Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CSU) die Politik in einer besonderen Verantwortung. „Pauschalisieren und Gruppen zu stigmatisieren, das kann irgendwann auch zu Hass führen und in Gewalt münden, in Taten umgesetzt werden. Da ist es ganz zentral, welche Tonspur die Politik legt, auch ein Oberbürgermeister“, sagte Schuchardt der Süddeutschen Zeitung.

Am Freitag hatte in der Würzburger Innenstadt ein 24 Jahre alter Somalier drei Frauen umgebracht und mehrere Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Über das Motiv des Angreifers herrscht weiterhin Unklarheit.

Es gehe nicht darum, etwas zu beschönigen, so Schuchardt weiter. „Es geht nicht darum, lax zu sein, wegzuschauen. Sondern das zu tun, was nötig ist, zu ermitteln, aber eben mit einer gewissen Grundempathie“, erklärte der Kommunalpolitiker. „Wenn wir Menschen mit sehr schwierigen Biografien aufnehmen, ist klar, dass das nicht einfach ist, sie womöglich auch eine Form der Begleitung brauchen. Und wenn wir feststellen, dass einige von ihnen, wie der Täter, der ja gerade erst volljährig war, als er nach Deutschland kam, eben nicht genügend staatlich begleitet worden sind, muss sich das für die Zukunft massiv ändern.“ Das schnelle Hingucken und häufigere Hingucken müsse Staatsaufgabe sein, auch im eigenen Interesse.

Hassmails aus ganz Deutschland

Schuchardt bekommt nach eigenen Worten derzeit sehr viele E-Mails aus ganz Deutschland, offenbar manche auch mit bedrohlichen Inhalten. Er habe Verständnis für einige, nicht alle. „Ich möchte auch nicht von Friede, Freude, Eierkuchen der „bunten Gesellschaft“ reden und ich weiß, dass viele Menschen Ängste haben vor Überfremdung.“ Aber er gestalte als Kommunalpolitiker nicht die deutsche oder europäische Flüchtlingspolitik. „Ich bin unserer Stadtgesellschaft verpflichtet und als Person Humanist.“

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Bundesinnenminister Horst Seehofer sieht in der tödlichen Messerattacke von Würzburg auch ein Beispiel für gescheiterte Integration. Der Augsburger Allgemeinen (Mittwoch) sagte er: „Wenn ein junger Mann sechs Jahre in einem Obdachlosenheim lebt, ohne dass jemand hinschaut und sich kümmert, dann kann ich mit unserer Politik nicht zufrieden sein, da fehlt es am Bewusstsein.“

Noch sei die Motivlage des Täters nicht vollständig geklärt, sagte Seehofer. „Wir haben Hinweise auf eine islamistische Gesinnung des Täters. Eine psychische Störung kommt offenbar dazu.“ Was ihn an dem Fall am meisten beschäftige, sei die Frage, wie es sein könne, dass ein 24-jähriger Mann, der sich rechtskonform in Deutschland aufhalte, nach sechs Jahren im Land in einer Obdachlosenunterkunft lebe. „Damit können wir uns doch nicht abfinden.“ Bund und Länder müssten überlegen, ob die Integrationsbemühungen verstärkt werden müssen.

Seehofer warnte zugleich vor einer Bedrohungslage durch Extremismus und Terrorismus. „Ich will die Menschen nicht in Angst und Schrecken versetzen, aber wir dürfen die Gefahren auch nicht verharmlosen“, sagte er. Durch Islamisten, Rechts- und Linksextremisten sowie durch die sogenannten Reichsbürger sei eine Alarmsituation gegeben. „In der Pandemie hat sich das noch verstärkt.“ (dpa)


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