„Tristan und Isolde“: Selbstmord bringt auch keine (Er-)Lösung

Regisseur Krzysztof Warlikowski inszeniert Richard Wagners „Tristan und Isolde“ zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele.

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„Tristan und Isolde“ mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros in den Titelrollen läuft bis 31. Juli in der Bayerischen Staatsoper.
© W. Hoesl

Von Jörn Florian Fuchs

München – Bevor Erl, Bregenz, Salzburg, Ischl, der Festspielsommer beginnt, gab es in München den Anpfiff zu den Opernfestspielen. Man gibt Wagners „Tristan und Isolde“. Zu berichten ist zunächst von einem Rollendebüt. Anja Harteros singt erstmals die weibliche Titelfigur und zeigt eine aufbrausend intensive, in jeder Nuance überzeugende Isolde. Was da an Gestaltungsdramaturgie, an Ausdrucksreichtum geboten wird, sucht ihresgleichen. Auch Jonas Kaufmann wagt sich, mit nunmehr 52 Jahren, erstmals an den Tristan. Technisch gelingt alles makellos, der dritte Aufzug mit seinen nicht enden wollenden vokalen Leidensvariationen gelingt Kaufmann besonders gut, in den ersten beiden Aufzügen schleicht sich bisweilen sein einschlägiges, gaumiges Timbre ein. Und dann gibt es zwei Sensationen. Eine heißt Okka von der Damerau und singt seit Jahren verlässlich meist eher mittlere Partien in München. Ihre Brangäne wird nun zum Triumph. Eine oft alle anderen überstrahlende Vokalartistin, die mit ebenso samtenem wie mächtig sattem Timbre brilliert. Auch szenisch ist sie eine Art Spielführerin, die sich um Liebes- (oder Todes-?)Tränke kümmert und mal im Krankenschwesterdress Leute verarztet, mal divenhaft im Abendkleid bella figura macht.

Umsorgt und verarztet werden an diesem Abend viele, wobei es den meisten nicht viel hilft. Regisseur Krzysztof Warlikowski inszeniert mit einer bemerkenswerten Unlust am Stoff einen müden, arg selbstreferentiellen Reigen unseliger Geister. Wir sind in einem Salon (Ausstattung: Małgorzata Szczes´niak), irgendwo ist Krieg, irgendwie erleben wir eine Familienaufstellung. Tristan und Isolde laben sich nicht nur an einem Trank mit unklarer Wirkung, sie setzen sich auch Spritzen, vor allem jedoch sitzen sie oft nebeneinander mit großem Abstand und singen über ihre Gefühle. Es gibt auch ein paar (riesenhafte) Videos, da liegen sie zum Beispiel im Bett, das plötzlich von Wasser überflutet wird. Glatzköpfige Puppen, mal lebendig, mal nur tote Staffage, gibt es auch noch. Anfang des zweiten Aufzugs wird es Isolde zu bunt oder zu langweilig und sie spielt mit dem Lichtschalter ... Eine Sache nur ist klar: Am Ende sind beide tot – Selbstmord.

Den größten Gegenpol zur uninspirierten Szene bietet Kirill Petrenko, der ja schon nicht mehr Musikchef in München ist und für diese Aufführungsserie einmalig zurückkehrt. Nicht ganz zu Unrecht unterstellt(e) man Petrenko ja einen Hang zum arg Strukturierten und Kontrollierten, was vor allem beim italienischen Fach spürbar wurde. Petrenkos „Tristan“ hingegen tönt laut, oft schroff und wild, irrsinnig impulsiv und zeitweise sogar, man höre und staune, nicht gerade sängerfreundlich. Nein, hier muss man als Sängerin, als Sänger wirklich arbeiten und kämpfen, um mit den fulminanten Tempo- und Dezibelorgien aus dem Graben mitzuhalten!

Abkühlung und neue Inspiration fürs Publikum gibt es hingegen in den Pausen etwa in der neu gestalteten Souterrain-Bar, die mit ihrem rotem Plüsch ein bisserl Bordellatmosphäre verströmt, sowie den im ganzen Nationaltheater verteilten Videoscreens und Kunstwerken, welche der Autor, Filmemacher und Opern-Aficionado Alexander Kluge eigens für die bis Ende Juli laufenden Festspiele kreiert hat. Eine Installation von Jonathan Meese oder einige Videoschnipsel zum „Rheingold“ wirken dabei deutlich sinnlicher als Warlikowskis triste Regie.

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