Lois Weinberger: Ein großer Weiser der Kunst

Mehr als 100 zwischen den 1970er-Jahren und 2020 entstandene „Basics“ von Lois Weinberger zeigt das Wiener Belvedere 21.

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Im Skulpturengarten des Belvedere 21 ist Lois Weinbergers „Hochhaus für Vögel“ von 1976 installiert.
© Belvedere/Stolll

Von Edith Schlocker

Wien – „Ich stehe dem Geschehen, das allgemein als Natur bezeichnet wird, bei“, hat Lois Weinberger das Wesen seiner Kunst mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Wie das funktioniert, zeigt eine große Personale im Belvedere 21, die der vor gut einem Jahr unerwartet im Alter von 73 Jahren verstorbene Konzeptkünstler noch im Wesentlichen selbst geplant hat, umgesetzt ganz in seinem Sinn von seiner Frau Franziska Weinberger gemeinsam mit dem Kurator der Schau, Severin Dünser.

Sie haben mehr als 100 Arbeiten in diversen Techniken ausgewählt, die zwischen den 1970er-Jahren und 2020 entstanden sind und zum größten Teil noch nie in Wien zu sehen waren. Wo der international gefragte Künstler, der zwischen Tokyo und Sao Paulo ausgestellt hat, bei Biennalen und Documentas mit dabei war, ausgerechnet hier, wo der gebürtige Tiroler bis zu seinem Tod gelebt hat, im Jahr 2000 seine letzte Museumsausstellung gehabt hat. Und zwar im 20er-Haus, das sich vor zehn Jahren zum Belvedere 21 gemausert hat.

„Basics“ ist der Titel der indoor wie im musealen Skulpturenpark zelebrierten Ausstellung, die Weinberger in allen seinen künstlerischen Facetten fassbar macht, als fabelhaften Zeichner genauso wie als Performer und Objektemacher. Als einen, der sich als philosophisch reflektierter Fragensteller verstand und nicht als Lieferant fertiger Antworten. Um ihn als ökologisch Bewegten begreifbar zu machen, und das in einer Zeit, als Phänomene wie Klimawandel und Umweltverschmutzung noch kein Thema waren.

Sich selbst bezeichnete Lois Weinberger gern als einfachen „Feldarbeiter“, bewegt von einer antihierarchischen, von Achtsamkeit bewegten Haltung, wie Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig meint, die in ihm einen der ganz „großen Weisen der zeitgenössischen Kunst“ sieht. Wobei Weinberger der dem Künstler zugesprochenen Rolle als fühliger Seismograph gesellschaftlicher Verwerfungen auf fast unheimliche Art und Weise gerecht wurde, wie etwa seine Bepflanzung eines stillgelegten Bahngleises mit Ruderalpflanzen aus südlichen Weltgegenden 1997 bei der Kasseler documenta X beweist, und das lange bevor Flüchtlingsströme sich auf den Weg nach Norden machten.

Weinberger sah seine Rolle als Künstler als die eines Anwalts für das Übersehene schlechthin, weshalb etwa Unkraut genauso wie Unmensch für ihn Unwörter waren. Sein Oeuvre lese sich in der Rückschau auch nicht als „Bildungsroman“, sagt Kurator Severin Dünser, sondern als gern in poetische Metaphern gekleidete Auseinandersetzung mit den komplexen Beziehungen zwischen Natur und Kultur.

Das kann ganz allgemein in groß angelegten Feldversuchen, aber auch sehr persönlich daherkommen, wenn er etwa in seinem Projekt „Debris Field“ in einem fast archäologischen Tun „im Trümmerfeld seiner persönlichen Herkunft“ (Dünser) wühlt. Asyle für die Flora und Fauna sind dagegen seine „Wild Cubes“, von denen einer sowohl vor der Innsbrucker SoWi als auch dem Belvedere 21 steht, wo auch sein „Vogelhaus für Vögel“ installiert ist oder mit Erde gefüllte Taschen stehen, in denen Migranten gern ihre Habseligkeiten verstauen.

In einem ins Monumentale aufgeblasenen Foto begegnet man Weinberger, nicht ohne Ironie den uralten Topos eines Mischwesens aus Mensch und Natur aufgreifend, als „Green Man“ mit einem aus einer Muschel bestehenden Oberlippenschmuck. In der der Schau ihren Namen gebenden Arbeit „Basics“ wird es dagegen existenziell. Denn ob sich die sieben mit bloßen Händen aus Lehm gekneteten Figuren im Zustand des Werdens oder Vergehens befinden, bleibt ungewiss, überlassen der Einschätzung des Betrachters.


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