Italien gegen Spanien: Ein großes Halbfinal-Duell mit vielen Vorzeichen

Im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft trifft heute (21 Uhr/TT.com-Live-Ticker) Italien auf Spanien. Die zwei europäischen Schwergewichte haben schon viele große Schlachten ausgefochten.

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2016 jubelte Giorgio Chiellini (r.) im EM-Achtelfinale über einen 2:0-Sieg über Spanien.
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London – Bei strahlendem Sonnenschein machten sich die Italiener als Erste auf den Weg zum Wahnsinns-Halbfinale nach London. Heute (21 Uhr, ORF 1, ARD und Magenta TV) und dank der fragwürdigen britischen Corona-Strategie vor 60.000 Zuschauern trifft die „Squadra Azzurra“ in Wembley auf Spanien – für Millionen Fans das vorweggenommene Endspiel der Fußball-EM. „Finaler Wunsch“, titelte die Gazzetta dello Sport am Montag.

Der spanische Nationaltrainer Luis Enrique ließ es etwas ruhiger angehen. Als die Italiener am Vormittag in den Mannschaftsbus stiegen, dürfte der „Mister“ des dreimaligen Europameisters gerade sein Abschlusstraining beendet haben. Mit stylisher roter Sonnenbrille schwor er sein Team auf das Gigantentreffen in England ein. Das Ziel? „Wir alle wollen ins Finale“, sagte Enrique, dessen persönliches Duell mit Roberto Mancini große Fußballkunst verspricht.

2012 traf ein deutlich jüngerer Jordi Alba beim 4:0-Triumph der Spanier im EM-Finale.
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Die Italiener sind seit 32 Spielen ungeschlagen, spätestens bei diesem Turnier fiel der Mythos der biederen, nur auf die Defensive ausgelegten „Azzurri“. „Wir hatten kein Minimalziel für dieses Turnier, wir wollten so viel erreichen wie möglich“, sagte Mancini. „Es sind noch zwei Partien, wir werden sehen, was passiert.“ Je weiter es im Turnier gehe, „desto schwieriger wird es“. Mancini warnte gestern vor zu viel Euphorie rund um sein Team. „Wir wissen, dass es nicht so leicht wird, dass wir ein großartiges Spiel brauchen“, sagte der 56-Jährige.

Beide Fußball-Nationen kennen sich aus vergangenen EM-Spielen bestens, beide machten schmerzliche Erfahrungen mit dem jeweiligen Gegner. Bei der EM 2008 gewannen die Spanier auf dem Weg zum Titel im Viertelfinale gegen den damaligen Weltmeister im Elfmeterschießen, 2012 hatte die „Squadra Azzurra“ beim spanischen 4:0 im Finale keine Chance. Vor fünf Jahren gewann dagegen Italien das EM-Achtelfinale gegen die Spanier. Das Führungstor erzielte damals Giorgio Chiellini. „Wir haben große Lust, weit zu kommen. Wir sind stolz, Italiener zu sein.“ Chiellini war auch schon 2008 im Team – der EM-Titel am 11. Juli wäre aber seine Krönung.

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📊 Mögliche Aufstellungen bei Italien - Spanien

London, Wembley Stadion, SR Brych/GER

  • Italien: 21 Donnarumma - 2 Di Lorenzo, 19 Bonucci, 3 Chiellini, 13 Emerson - 18 Barella, 8 Jorginho, 6 Verratti - 14 Chiesa, 17 Immobile, 10 Insigne
  • Spanien: 23 Simon - 2 Azpilicueta, 12 Garcia, 24 Laporte, 18 Alba - 8 Koke, 5 Busquets, 26 Pedri - 9 Moreno, 7 Morata, 19 Olmo

Die spanischen Ballkünstler, die holprig gestartet waren, müssen einen Weg finden, an Bonucci und ihm vorbeizukommen. Enrique ist das absolut zuzutrauen. Der 51 Jahre alte Taktiker lässt im offensiven 4-3-3-System spielen. Zur Schlüsselfigur wurde neben Kapitän Sergio Busquets bei dieser EM Teenager Pedri, der mit 18 Jahren jüngste Spanier im Kader mit einem Talent, das beim FC Barcelona schon an die ganz Großen erinnert. „Luis Enrique, der Anführer, der eine Mannschaft aus dem Nichts erschaffen hat“, schrieb die Zeitung Sport.

In London würden heute „Details“ den Unterschied ausmachen, sagte Stürmer Gerard Moreno. Die Gazzetta dello Sport konzentrierte sich indes auf eine Analyse des Mittelfelds, in dem Italiens „Genies“ Lorenzo Insigne, Marco Verratti und Nicolò Barella besser sein sollen als Busquets, Pedri und Koke. „Der Trainer hat uns eine Siegermentalität vermittelt. Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen“, sagte Barella.

Die Fans im Londoner Wembley-Stadion freuen sich – auch, wenn es viele Engländer sein werden. Wegen der strikten Corona-Regeln dürfen Spanier und Italiener ohne Quarantäne nicht einreisen, Karten werden größtenteils nur an Zuschauer vergeben, die in Großbritannien leben. „Wir brauchen euch!“, twitterte der spanische Verband am Montag in Richtung der britischen Spanier. (t.w./dpa)

🇮🇹 Deshalb gewinnt heute Italien ...

London - Weil Italien sich bislang bei dieser Fußball-EM kaum hinterfragen musste. Als einziger Halbfinalist gewann die Elf von Trainer Roberto Mancini alle ihre fünf bisherigen Turnierspiele. Zwar lieferten Österreich und Belgien in der K.-o.-Phase harte Gegenwehr, die seit dem Eröffnungsspiel als Titelkandidat gehandelte "Squadra" überwand aber auch diese Aufgaben schlussendlich mit Klasse.

  • Weil die Mancini-Truppe seit unglaublichen 32 Spielen ungeschlagen ist.
  • Weil die Abwehr rund um die beiden Edel-Routiniers Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci kaum zu knacken scheint - und sich die spanische Offensive -trotz bereits zwölf Volltreffern -nicht unbedingt durch gnadenlose Effektivität auszeichnete. Wer Italien schlagen will, muss die wenigen Chancen, die man bekommt, nutzen.
  • Weil die Italiener mit Gianluigi Donnarumma einen überragenden Schlussmann im Kasten haben und sich unbekanntere Akteure wie Nicolo Barella längst ins Rampenlicht gespielt haben.
  • Weil Italien auf den ersten großen Titel seit der WM 2006 brennt. Grätschen werden genau so bejubelt wie Tore, die schwere Verletzung von Außenverteidiger Leonardo Spinazzola hat die "Azzurri" noch näher zusammenrücken lassen. Der unbändige Teamgeist verspricht Großes ... (t.w.)

🇪🇸 Deshalb gewinnt heute Spanien ...

London - Weil die Spanier in den vergangenen Turniertagen so richtig an Schwung aufgenommen haben - nach einem enttäuschenden Torlos-Start traf die "Furia Roja" inzwischen schon zwölf Mal.

Weil die "Rote Furie" auch statistisch Vorteile aufweist: Die Spanier haben laut UEFA-Statistik bei der EM bisher 365 Angriffe lanciert. 69 mehr als Italien, 235 mehr als England. Spanien hat selbstredend auch die meisten erfolgreichen Pässe gespielt (3856), hatte den meisten Ballbesitz (67,2 Prozent pro Spiel) und wurde am meisten gefoult.

Weil bei Gerard Moreno irgendwann der Knoten platzen muss - der Angreifer ist bei der EM noch torlos. Unglaublich eigentlich, wenn man einen Blick auf die Zahlen des Stürmers wirft: 23 Tore hat Moreno in 33 Saisonspielen für Villarreal erzielt. Besser war in La Liga einzig Lionel Messi. Ein Treffer Morenos scheint überfällig.

Weil die Spanier den Jungstar des Turniers in ihren Reihen wissen: Der 18-jährige Pedri spielte die Gegner reihenweise schwindelig, vielleicht wird er im Halbfinale endgültig berühmt.

Weil die Spanier wieder auf ihren Superkapitä n setzen können: Barcelonas Sergio Busquets ist das letzte Überbleibsel der Goldenen spanischen Generation -und der weiß, wie es geht, die Italiener zu schlagen. (t.w.)


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