„The Trouble With Being Born“: Flucht vor der fremden Erinnerung

Sandra Wollners „The Trouble With Being Born“ wurde beim Österreichischen Filmpreis gestern als bester Spielfilm ausgezeichnet. Eine kindliche Androidin füllt dort Leerstellen im Leben zweier Menschen.

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Androidin Eli (Lena Watson mit Silikonmaske) existiert als Erinnerung ihrer Besitzer.
© Panama Films

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Eli ist kein 10-jähriges Mädchen, sondern eine Androidin. Sie lebt bzw. existiert bei ihrem Besitzer, einem alleinstehenden Mann mittleren Alters. Mit ihm verbringt sie die sonnigen Sommertage im Garten seiner Villa. Im Voice-Over verrät sie: „Wir waren den ganzen Tag draußen und die ganze Nacht munter. Die Mama hätt’ mir das nie erlaubt. Aber sie muss ja nicht alles wissen.“

Das, was die abwesende „Mutter” nicht wissen darf, ist verstörend, nämlich zugleich zärtlich und grenzüberschreitend, wird doch über den technisierten Umweg eines künstlichen Menschen die absolute moralische Barriere zwischen Kind und Liebhaberin verwischt. Denn der Mann mit Beschützer-Fantasie hat auch eine sexuelle Beziehung zu Eli. Das ist das vordergründig provokante Element in Sandra Wollners zweitem Film. Die Regisseurin führt zunächst auf falsche Fährten, deutet nur ambivalent an und erzählt dann ohne Voyeurismus geschickt über Auslassungen.

📽 Trailer | „The Trouble With Being Born“

Hinter dieser präzisen Thematisierung von Pädophilie tut sich jedoch eine weitaus größere Debatte über das Menschsein auf, die weniger problematisch, aber umso spannender ist. Es geht Wollner um die Erinnerungen und künstlichen Erzählungen, die eine menschliche oder menschenähnliche Existenz ausmachen. Eli (Lena Watson mit irritierender Silikonmaske) ist auch ein Spiegel der verschwundenen realen Tochter (Jana McKinnon) dieses Mannes (Dominik Warta).

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„The Trouble With Being Born“, benannt nach einem Buch des nihilistischen Aphoristikers Emil Cioran, dreht sich also auch um die traumatische Variante der Erinnerung und das nicht zu ersetzende Fehlen eines Menschen – also im Grunde um die Endlichkeit der menschlichen Existenz. Das wird auch klar, als Eli nach der Hälfte des Films ihren Besitzer verlässt und eine zweite nicht weniger interessante Begegnung mit einer alten Frau (Ingrid Burkhard) macht.

Wollner erklärt ihren Roboter gerade nicht zum Menschen, wie in unzähligen anderen, guten oder schlechten, Science-Fiction-Filmen; so weit ist die künstliche Intelligenz hier noch nicht. Wollner erklärt: „Jedes Gespräch mit ihm ist im Grunde ein Monolog. Dieses Wesen ist bloß ein Container unserer Erinnerungen und Vorstellungen, die uns alles und ihm nichts bedeuten.“

Nach ihrem essayistischen Debüt „Das unmögliche Bild“ geht Wollners zweiter Film nun einen großen Schritt weiter Richtung sinnliches Erzählkino, auch wenn ihre Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg noch durchaus minimalistisch-vage und thesenhaft-experimentell gehalten ist. „Das ist ein Potenzial des Kinos, das mich interessiert“, so Wollner „eine Erfahrung zu gestalten, die man sonst vielleicht nur im Traum macht, mit all seinen Widersprüchen, Leerstellen und dunklen Echos.“

„The Trouble With Being Born“, der seine Premiere in der Encounters-Sektion der Berlinale feierte, ist tatsächlich eine unheimliche Kino-Begegnung.

11. Österreichischer Filmpreis: Fokus auf weibliche Perspektiven

Beim gestern verliehenen 11. Österreichischen Filmpreis gaben Regisseurinnen den Ton an: Große Gewinnerin ist Regisseurin Sandra Wollner. Ihr Film „The Trouble With Being Born“ wurde viermal ausgezeichnet, als Bester Spielfilm, für die beste Regie sowie in den Kategorien Beste Tongestaltung und Beste Maske. Weltpremiere hatte Wollners Science-Fiction-Dystopie bei der diesjährigen Berlinale, ausgezeichnet wurde er 2020 schon mit dem Großen Diagonale-Preis.

2021 hingegen ging dieser Hauptpreis an die Südtirolerin Evi Romen – und ihr Regiedebüt „Hochwald“ war heuer auch mit neun Nominierungen als großer Favorit ins Rennen um den Österreichischen Filmpreis gegangen. Geholt hat sich Romens Erzählung von Mario, einem jungen Mann, der sich in Rom verliebt und in ein Attentat verwickelt wird, Bestes Kostümbild, Beste Musik und Beste männliche Hauptrolle.

Mit Letzterem ging prompt ein zweiter Preis nach Südtirol: Der 27-jährige Thomas Prenn, der neben „Hochwald“ auch in der deutschen Netflixserie „Biohackers“ mitwirkt, startet gerade karrieretechnisch richtig durch. Erst gestern war Prenn in Cannes zu sehen, in Sebastian Meises „Große Freiheit“ spielt er an der Seite von Franz Rogowski.

Beim österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde auch Jasmila Žbanić. Ihr Kriegsdrama „Quo vadis, Aida?“ erhielt den Preis für Beste weibliche Nebenrolle, Beste Kamera und Bestes Szenenbild.

Zum Fokus auf weibliche Perspektiven passt auch der Beste Dokumentarfilm, mit dem Sabine Derflingers Porträt „Die Dohnal“ ausgezeichnet wurde. (bunt)

Alle PreisträgerInnen: oesterreichische-filmakademie.at


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