Englands EM-Rausch in der Pandemie: Folgt ein Corona-Kater?

Premierminister Boris Johnson deckt mit Hilfe der EM einen Mantel über die Corona-Pandemie und die erneut explodierende Zahl an Neuinfektionen im Königsreich. Kritik daran gibt es kaum. Im Gegenteil: Die EURO-Party wird als Lohn fürs Durchhalten in den vergangenen eineinhalb Jahren gesehen.

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Englands Fußballfans feiern die Feste, wie sie fallen. Und aktuell fallen sie häufig.
© FRANK AUGSTEIN

London – Kurz vor dem EM-Finalduell mit Italien am Sonntag (21.00 Uhr/live TT.com-Ticker) im heimischen Wembley-Stadion ist die Euphorie in England groß. Schon immer wurde dort der Fußball dafür genutzt, Wunden zu heilen und Gräben zu überwinden. Für England wäre das Gold wert. Es gibt viele Wunden zu heilen. Und noch vor wenigen Wochen sah es kaum danach aus, dass die Nationalmannschaft diese Aufgabe übernehmen könnte.London –

Noch bevor der erste Anstoß ausgeführt war, diskutierte man auf der Insel darüber, ob das Team als Zeichen gegen Rassismus vor Spielbeginn knien sollte. Das Thema erreichte höchste politische Kreise, sowohl Premier Johnson als auch seine Innenministerin Priti Patel nahmen die pfeifenden Fans in Schutz. Jeder habe das Recht auf Meinungsfreiheit.

Lobeshymnen auf Spieler und Teamchef

Nun geben sich Johnson und die konservative Hardlinerin Patel als größte Fans der Mannschaft, die von Medien aller Couleur als Symbol für ein modernes, diverses und begeisterungsfähiges England gelobt wird. Liberale reiben sich die Augen: "Sie setzen sich für hungrige Kinder ein, sie kämpfen gegen Online-Hass (...) - und sie gewinnen Fußballspiele", staunte der Autor John Sutherland. Das soziale Engagement von Spielern wie Stürmer Marcus Rashford ist immens.

Premierminister Boris Johnson im England-Trikot auf der VIP-Tribüne.
© PAUL ELLIS

Im Zentrum vieler Lobeshymnen: Gareth Southgate. Ex-Nationalspieler Gary Neville urteilte, der Teamchef sei ein wahrer Anführer: "respektvoll, bescheiden, ehrlich, echt". Und machte dann deutlich, dass der sportliche Erfolg nicht alles übertüncht. "Das Niveau der Führungselite in diesem Land war in den vergangenen Jahren schlecht", sagte der für seine klaren Aussagen bekannte Ex-Profi - im Visier: Boris Johnson.

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Wenigstens über die Corona-Pandemie und die erneut explodierende Zahl der Neuinfektionen deckt Johnson mit Hilfe der EM einen Mantel. Vor dem Stadion und in den Innenstädten spielten sich während der englischen Partien Szenen ab, die wie aus einer anderen Zeit wirkten: Zu Tausenden sangen, tanzen und tranken da die Fans eng an eng. Beim Public Viewing auf dem Trafalgar Square lagen sich die Menschen nach dem Sieg über Dänemark freudetrunken in den Armen. Auch die im Finale erneut mehr als 60.000 erlaubten Fans im Wembley sehen viele mit Besorgnis.

Fußballparty als Lohn fürs Durchhalten

Kritik daran ist aber kaum vorhanden. Die Menschen sollten die Nacht genießen, gaben die Kommentatoren vom TV-Sender ITV ihren Zuschauern mit auf den Weg. Das Land habe in den vergangenen 16 Monaten so viel durchgemacht, diese Szenen seien nun der Lohn fürs Durchhalten. Die Zeitung The Times jubelte: "Es war eine Wiederherstellung der menschlichen Verbindung." Die Haltung erinnert an den britischen "Exceptionalism" - das Gefühl, dass Großbritannien, diese stolze Handels- und Seefahrernation, auserwählt ist, eine zentrale Rolle zu spielen. Parteiübergreifend gibt es an der Position wenig Zweifel.

"It's Coming Home" - er kommt nach Hause: Die Zeile aus dem Fan-Klassiker "Three Lions" ist der Spruch der Stunde in dem Land, das sich als Erfinder des Fußballs feiert. Gespannt warten Beobachter darauf, was passiert, wenn die rauschende Party endet. Brexit-Folgen, schottische Unabhängigkeit, Messergewalt unter Jugendlichen, gleiche Lebensbedingungen in Städten und auf dem Land - nur einige Fragen, die auf Antworten warten.

Schließlich ist die Befürchtung groß, dass die Pandemie erneut zuschlägt. Am 19. Juli sollen alle Corona-Regeln gelockert werden, das normale Leben zurückkehren. Trotz der gut laufenden Impfkampagne warnen Experten, der Schritt komme viel zu früh. Sie fürchten, dass Zehntausende lang andauernde Corona-Folgen erleiden. Der Kater nach der wochenlangen Feier könnte groß sein. (APA, dpa, TT.com)

Englands Fußballfans bereiten sich auf ein weiteres Party-Wochenende vor.
© OLI SCARFF

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