Jedermann neu „übertrifft wildeste Vorstellungen“

Regisseur Michael Sturminger kündigt im TT-Gespräch eine Salzburger Inszenierung an, „die es nicht vorauseilend allen recht machen will“.

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Regisseur Michael Sturminger (r.) und der neue „Jedermann“-Darsteller Lars Eidinger. Dass Letzterer Tobias Moretti heuer in der Titelrolle ablösen wird, stand seit Jahren fest, blieb aber streng vertraulich.
© Schramek

Von Markus Schramek

Salzburg – Am kommenden Samstag wird Hugo von Hofmannsthals Jahrhundertstück „Jedermann“ die Salzburger Festspiele 2021 auf dem Domplatz eröffnen (einen gnädigen Wettergott vorausgesetzt, sonst muss der gesamte Tross husch, husch ins Große Festspielhaus übersiedeln). Das übliche Zittern mit Blick nach oben, ist man geneigt anzumerken: Salzburg, wie es in den nervösen Stunden vor dem Auftakt des sommerlichen Spektakels alljährlich leibt und lebt.

Doch dann das: Überraschung, Überraschung! „Der Jedermann“ – Geldadeliger bekommt Besuch vom Tod, muss sich unangenehmen Fragen stellen, zeigt sich einsichtig, findet Erlösung – erhält von Regisseur Michael Sturminger eine komplett neue Inszenierung verpasst.

Beharrlich und bis wenige Tage vor dem Ultimo hatte die Festspielleitung für heuer eine bloße Wiederaufnahme angekündigt, soll heißen die Übernahme von Sturmingers „Jedermann“-Version der letzten Jahre. Befürchtungen, Covid würde erneut nur eine beschränkte Zuseherzahl möglich machen, dürften hier eine Rolle gespielt haben. Im Vorjahr, beim 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele, musste in Salzburg vor halbleeren Sälen gespielt werden. Noch einmal sei das wirtschaftlich nicht verkraftbar, hatte sich Intendant Markus Hinterhäuser damals festgelegt.

Volle Besucherkapazität

Heuer kann Salzburg aber mit behördlichem Sanktus wieder die volle Besucherkapazität ausschöpfen. Und so wird der „Jedermann“ zur Großbaustelle: neues Personal (schon länger bekannt) plus neue Aufmachung.

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Der Berliner Lars Eidinger (45) löst Tobias Moretti (62) in der Titelrolle ab. Tirols Parade- und Vorzeigemime hat den Jedermann von 2017 bis 2020 verkörpert. Auch die Buhlschaft wird deutlich jüngeren Händen überantwortet: Die gebürtige Salzburgerin Verena Altenberger (33) folgt auf Burgschauspielerin Caroline Peters (49).

Regisseur Sturminger wirkt darob glücklich und zufrieden. „Für mich stand immer fest, dass die Neubesetzung des ,Jedermann‘ auch eine Neuinszenierung zur Folge haben wird“, resümiert der Wiener im TT-Gespräch.

Der Wechsel von Moretti zu Eidinger „wurde schon vor zwei Jahren fixiert“, berichtet Sturminger. „2017 bin ich mit wenigen Monaten Vorlauf als ,Jedermann‘-Regisseur eingesprungen. Seit ich weiß, dass Eidinger kommt, hatte ich viel Zeit, mir eine neue Inszenierung zu überlegen.“ Denn: „Was für Tobias auf der Bühne funktioniert, funktioniert für Lars nicht. Die beiden sind grundverschiedene Schauspielertypen.“

„Die Titelrolle mit Eidinger zu besetzen, war mein Vorschlag im Einvernehmen mit Schauspieldirektorin Bettina Hering“, so Sturminger. Vom neuen Hauptdarsteller ist der Regisseur schwer beeindruckt: „Lars Eidinger ist eine schauspielerische Urgewalt, wahnsinnig kollegial, aber er schont weder sich noch die anderen.“

Schlichtes Bühnenbild, neue Kompositionen

Das neue Bühnenbild wird schlicht gehalten, also ohne Kipp-Effekte wie in der Vorgängerversion, das schont das Budget. Die Musik, großteils neu komponiert, stammt wieder vom Osttiroler Wolfgang Mitterer.

Genauere Details der neuen Inszenierung bleiben bis zur Premiere ein gut gehütetes Geheimnis, einige zweckdienliche Hinweise streut Sturminger ein: „Hofmannsthals Text bleibt unberührt, das Schauspiel wird weniger zeitgenössisch, eher abstrakter mit historischen Bezügen, es gibt komische Elemente, und auch Szenen, die manche als wild empfinden werden. Es wird ein starkes Statement sein und ganz anders als die letzte Version.“

Erwartet er Buhrufe bei der Premiere? Sturminger: „Buhrufe streben wir nicht an. Wir wollen es aber auch nicht vorauseilend allen recht machen. Was auf der Bühne bei den Proben entstand, übertraf manchmal selbst meine wildesten Vorstellungen.“

Abhängig von der Resonanz beim Publikum (14 traditionell im Vorhinein ausverkaufte Aufführungen zwischen 17. Juli und 26. August), ist der neue „Jedermann“ in neuer Besetzung für mehrere Jahre angelegt. Sturminger: „Diese Inszenierung kann es vermutlich nur so lange geben, wie Lars Eidinger der Hauptdarsteller ist.“ Seine eigene Zukunft als „Jedermann“-Regisseur lässt Sturminger diplomatisch offen. „Im Moment kämpfe ich mit Freude um diesen neuen ,Jedermann‘.“


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