„Der Rausch“: Ein halbes Promille Lebensfreude

Thomas Vinterberg gibt seiner Oscar-prämierten Midlife-Crisis-Geschichte „Der Rausch“ mit Mads Mikkelsen überraschend viel Tiefe. Der Film läuft ab morgen im Kino.

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Keine Altherren-Komödie, aber hellsichtige Sozialstudie: Mads Mikkelsen als Martin erhofft sich von einem konstanten Alkoholpegel mehr Lebensfreude.
© Filmladen

Innsbruck – Ein halbes Promille Alkohol im Blut fehlt uns Menschen zur Lebensfreude. Das zumindest glauben vier dänische Freunde in Thomas Vinterbergs „Druk – Der Rausch“. Hauptfigur Martin ist Mitte 50, Vater zweier Kinder, Ehemann und Lehrer und sieht sein Leben quasi als Unbeteiligter an sich vorbeiziehen. Seinen Jugendfreunden Tommy, Nikolaj und Peter geht es als Lehrern und Menschen nicht anders. Alle vier gehen durch den Alltag, ohne Spezielles zu erleben oder noch viel von den kleinen Dingen zu spüren. Nach einem Geburtstagsessen beschließen sie die These des norwegischen Psychologen Finn Skårderud über das Blutalkoholspiegel-Defizit durch ein Experiment zu verifizieren und einen konstanten Pegel zu halten. Und siehe da: Plötzlich fließt nicht nur der Alkohol, sondern auch die Lebensenergie. Doch das soziale Experiment mitten im Schulbetrieb ist riskant.

Was nach einer albernen Altherren-Komödie klingt, wird in den Händen des einstigen Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg zur hellsichtigen Sozialstudie, die meisterhaft von der existenzialistischen Tragikomik des Lebens erzählt. Bei aller Gefahr von Alkohol in dieser fein ausbalancierten Geschichte ist „Druk“ keine Analyse oder Kritik des Alkoholismus. Inspiriert ist es von einem Stück, das Vinterberg während seiner Theaterarbeit in Wien geschrieben hatte (mit vier Frauenfiguren als „Suff“ inszeniert).

📽️ Trailer | „Der Rausch“

In der neuen Geschichte des Films liegt der Fokus diesmal auf der männlichen Erfahrungswelt; Frauen spielen in „Druk“ eindeutig eine Nebenrolle, etwa als Martins Ehefrau Anika (stark: Maria Bonnevie). Ob die männliche Midlife-Crisis mehr komödiantisches Potenzial hat? Oder der 52-jährige Regisseur Vinterberg unter der erfolgreichen Regisseurs-Oberfläche doch von seinen eigenen Ängsten erzählt? Jedenfalls ist ihm zusammen mit einen phänomenalen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle und Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe als seinen Freunden ein sensibler Ensemblefilm gelungen, für den ihm die Academy im April den Auslands-Oscar verliehen hat.

In seiner Dankesrede erzählte er auch seine persönliche Geschichte der Dreharbeiten zu „Druk“. Die muss man vorab nicht kennen. Die tragische Tiefe, die der Film trotz einiger großartig humorvoll gespielter Szenen und seiner lebensbejahenden Untertöne hat, wird dadurch aber verständlich. Vier Tage nach Drehbeginn starb Vinterbergs 19-jährige Tochter bei einem Autounfall (nicht durch einen betrunkenen, sondern einen von seinem Handy abgelenkten Autofahrer). Sie hatte ihren Vater zur Filmadaption ermuntert, sollte als Tochter der Hauptfigur mitspielen und die Maturanten im Film sind ihre tatsächlichen Mitschüler. Vinterberg nahm den Dreh nach einer Pause wieder auf und die frischen Emotionen der Trauer sind in „Druk“ spürbar. Besonders in der fantastischen Schlussszene mit dem Song „What a Life“ – ein perfektes berauschend-emotionales Stück Post-Pandemie-Kino.


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