Antikolonial, feministisch, widerständig

„Resurgences of Amazonia!“ zeigt unterrepräsentierte indigene Perspektiven. Eine Schau, die eine gute Vermittlung braucht.

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© Emerson Uýra

Innsbruck – Wenn sich Emerson durch seine Heimatstadt Manaus bewegt, dann wechselt er sein Erscheinungsbild. Aus Emerson wird Uýra, eine Kunstfigur zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Dort in Manaus, ein von der Industrie geprägtes Gebiet mitten im brasilianischen Amazonaswald, trifft die Persona auf menschengemachte Stadt-Natur und eine von Weißen geprägte Gesellschaft. Architekturen und Denkmäler zeugen von der alten Kolonialherrschaft, die bis in die jüngste Gegenwart nachwirkt: Vor dem Palace of Liberty etwa trifft Uýra auf zwei Skulpturen, den gebildeten Mann, der per Fingerzeig auf Welten hinweist, die er noch erobern wird. Ihm gegenüber der „Primitive“, ausgerüstet mit einem Hammer. „Bist du wirklich indigen?“, fragt eine Stimme aus dem Off.

Es sind die Erfahrungen der „comunidades ribeirinhas“, der Flussgemeinschaften am Amazonas, die der Performer Emerson bzw. Uýra Sodoma in seinem Video wieder und wieder durchlebt – eine Perspektive, die in der zeitgenössischen Kunst dramatisch unterrepräsentiert ist. Dabei betont das Video die starke Präsenz unterschiedlicher indigener Identitäten in Manaus. Zwei Positionen zeigt der Kunstraum Innsbruck aktuell mit Uýra Sodoma und Moara Tupinambá. Mit künstlerischen Ausrufezeichen propagiert „Resurgences of Amazonia!“ das Wiederaufleben einer Kultur – antikolonial, feministisch, widerständig.

Emerson bzw. Uýra Sodoma ist eine von zwei indigenen Positionen aus dem heutigen Brasilien, die derzeit im Kunstraum gastieren.
© Emerson Uýra

Kuratorische Unterstützung bekommt Kunstraumleiterin Ivana Marjanovic in dieser Schau von Marissa Lôbo, einer brasilianischen Aktivistin, die als Brücke zwischen den Welten fungiert, nicht nur aus sprachlicher Sicht. Begriffe wie „Amazonian Futurism“ wollen erklärt werden: Moara Tupinambás Stil, in dem koloniale Vergangenheit und globalisierte Gegenwart in schrillen Farben collagiert aufeinanderprallen, wird als solcher bezeichnet. Zwei ihrer Serien werden aktuell in Innsbruck gezeigt. Ein durchgängiges Element: naturwissenschaftliche Erkenntnisse in Form von Mikroskopansichten. Die Pandemie ist präsent, für die indigene Bevölkerung Amazoniens wie eine ständige Wiederkehr: Seit der Eroberung durch Europa hat sie verstärkt mit tödlichen Krankheiten zu kämpfen.

„Resurgences of Amazonia!“ ist gerade vor dem Hintergrund der Pandemie und vor allem der ökologischen Krise eine wichtige Perspektive, sie gehört aber zeitgenössisch vermittelt. Die „Art Walks“ (eine Initiative von Kunstraum, Taxispalais, Tiroler Künstler:innenschaft) schauen heute (ab 15.30 Uhr) jedenfalls im Kunstraum vorbei. (bunt)


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