„Das ist ein Horror“: Viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz

„Das Leid nimmt auch gar kein Ende“, sagt Malu Dreyer über die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands. Die Situation bleibt angespannt, das Ausmaß der Zerstörung wird immer klarer.

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In Erftstadt wurden Häuser mitgerissen.
© AFP/Sebastian Bozon

Von David Langenbein, Frank Christiansen und Jens Albes, dpa

Erftstadt – Braun und ölig ergießt sich Wasser von einer Straße in einen riesigen Schlund in Erftstadt unweit von Köln. Die Straße: einfach abgebrochen. Die Häuser: zum Teil eingestürzt. Eine weiße Gardine wiegt noch im Wind, fast bis zur Hälfte ist sie braungefärbt. Ein stummes Zeugnis dramatischer Stunden, in denen die Flut durch den Stadtteil Blessem schwappte.

Die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands bringt Chaos, Verwüstung und Leid. Ihr genaues Ausmaß kann noch nicht abgeschätzt werden. Klar ist: Mehr als 100 Menschen haben in NRW und Rheinland-Pfalz ihr Leben verloren. Die Zahlen werden noch weiter steigen, wird befürchtet. Zahlreiche Menschen werden vermisst. Viele, viele andere stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

📽️ Video | Erftstadt - eine verwüstete Stadt

In Erftstadt werden Häuser mitgerissen und verschwinden. Am Freitagnachmittag meldet der Rhein-Erft-Kreis ein Todesopfer in Erftstadt. Es sei aber zu befürchten, dass es noch weitere gebe. Die Flut sei schnell gekommen, sagt Landrat Frank Rock (CDU). Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen. Aus der Luft sind Erdrutsche von gewaltigem Ausmaß zu sehen. „Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“, sagt der Landrat.

Nur wenige Schritte entfernt von der Abbruchkante steht Karl Berger vor seinem Geburtshaus. Er ringt um Fassung. „Dieses Riesenloch“, sagt er, dann kippt die Stimme. Er kenne viele Menschen, die dort lebten. Am Donnerstag sei die Erft - eigentlich „ein juter Fluss“ - stetig angeschwollen.

Die Wassermassen zerstörten Straßen und Häuser in Erftstadt.
© AFP/Sebastian Bozon

Die Rettungsarbeiten sind schwierig: Menschen werden mit Booten vom Wasser aus gerettet. Die Situation ist unübersichtlich. Mit Schreien versuchen einige Anwohner laut Fernsehberichten, Retter auf sich aufmerksam zu machen. Er habe noch keine konkrete Zahl über Todesopfer oder Vermisste, sagt Rock. In der Nähe stürzen Teile der gesperrten Autobahn 1 in den Fluss.

Laschet (CDU) spricht von einer „Flutkatastrophe von historischem Ausmaß“. Es stehe zu befürchten, dass die Opferzahlen weiter steigen werden. „Die Fluten haben vielen Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen.“

📽️ Video | Mehr als 100 Tote - Angst vor Dammbrüchen

Die Bilder machen die Kraft der Naturgewalten deutlich: Wo eine Einkaufsstraße war, fließt auf einmal ein Fluss. Wie umhergeworfenes Spielzeug liegen Fahrzeuge in der Landschaft. Manche Häuser sind zur Hälfte weggespült wie Kartenhäuschen - oder verschwunden. Nach wie vor sind viele Haushalte ohne Strom, Orte sind nicht zu erreichen, der Bahnverkehr ist enorm eingeschränkt.

In Rheinland-Pfalz haben vielerorts die Aufräumarbeiten begonnen. Menschen räumten herausgespültes Hab und Gut aus dem Schlamm. Das Entsetzen im Land ist groß. „Das Leid nimmt auch gar kein Ende“, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier am Freitagmorgen. Da das Wasser überall zurückgehe, würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien. „Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror“, sagt Dreyer. Mehr als 60 Opfer sind zu beklagen.

Die Menschen in Kordel räumen die Schäden nach dem Hochwasser der Kyll vor zwei Tagen auf. Auch wenn die Pegel sinken, ist die Lage weiter kritisch. Noch gibt es Bereiche in dem Ort mit 2000 Einwohnern, die nicht erreichbar sind. An einigen Stellen besteht Hangrutschgefahr.
© APA/dpa/Harald Tittel

Die Bilder machen die Kraft der Naturgewalten deutlich: Wo eine Einkaufsstraße war, fließt auf einmal ein Fluss. Wie umhergeworfenes Spielzeug liegen Fahrzeuge in der Landschaft. Manche Häuser sind zur Hälfte weggespült wie Kartenhäuschen - oder verschwunden. Nach wie vor sind viele Haushalte ohne Strom, Orte sind nicht zu erreichen, der Bahnverkehr ist enorm eingeschränkt.

Aufräumarbeiten beginnen

In Rheinland-Pfalz haben vielerorts die Aufräumarbeiten begonnen. Menschen räumten herausgespültes Hab und Gut aus dem Schlamm. Das Entsetzen im Land ist groß. „Das Leid nimmt auch gar kein Ende“, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier am Freitagmorgen. Da das Wasser überall zurückgehe, würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien. „Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror“, sagt Dreyer. Mehr als 60 Opfer sind zu beklagen. Laut Innenminister Roger Lewentz (SPD) werde von bis zu 100 Vermissten ausgegangen.

© APA

In dem von der Hochwasserkatastrophe besonders getroffenen Ahrtal sind noch immer Hubschrauber und Boote unterwegs und retten Menschen. Die Helfer finden in den braunen Fluten auch immer wieder Tote und bergen sie.

In Sinzig etwa können sich zwölf Bewohner einer Einrichtung für behinderte Menschen am Donnerstag nicht mehr retten und sterben. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos. Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des an der Ahr gelegenen Wohnheims zu bringen. „Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.“

Fahrzeuge der Feuerwehr wurden in Altenahr durch das Hochwasser beschädigt. Starkregen führte zu extremen Überschwemmungen.
© APA/dpa/Thomas Frey

Tausende Helfer sind in beiden Ländern unterwegs. In Nordrhein-Westfalen etwa unterstützten Soldaten Rettung und Bergung mit 495 Männern und Frauen in elf Landkreisen und Städten. In Rheinland-Pfalz packen mehr als 200 Soldaten mit an. Das Technische Hilfswerk (THW) hat in beiden Bundesländern insgesamt 2065 Helfer im Einsatz. Sie retten Menschen, evakuieren Gebäude und verteilen Sandsäcke. Immerhin sanken in einigen Orten die Pegelstände. Es deutete sich leichte Entspannung an.

Die Bundesregierung sagte den Betroffenen Hilfe zu. Um sich einen eigenen Eindruck von der Lage zu verschaffen, will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in die betroffenen Regionen reisen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will in die Gebiete kommen. Die Katastrophe mache ihn fassungslos, sagt er. In Gedanken sei er bei den Hinterbliebenen der Opfer. „Ihr Schicksal trifft mich ins Herz.“

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