Volksschauspiele Telfs: Im Klamauk verhallt der Schmerz

Die Tiroler Volksschauspiele Telfs sind eröffnet: Auf dem Programm des ersten Abends standen Zugeständnisse, ein Versprechen und mit „Indien“ derbe Unterhaltung.

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Der Tiroler Schauspieler Manuel Kandler als Kurti (mit störrischer Glatze) und der Linzer Franz Weichenberger in der Telfer Produktion „Indien“ (nach Hader und Dorfer).
© Victor Malyshev

Von Barbara Unterthurner

Telfs – Es kracht und scheppert, brummt bedrohlich, ein Schrei von der Trompete, dann wilde Improvisationskaskaden, die Melodie stolpert, liegt darnieder. Glatt geht in dieser Komposition von Florian Bramböck nichts. Soll es auch nicht, schließlich steht „Aller Anfang ist schwer mit Nix“ als Stücktitel da. Und gekracht und gescheppert hat es bei Christoph Nix’ Start bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs ja auch. Ist das schon Galgenhumor, dass das Stück nun zum musikalischen Auftakt für eben jene Volksschauspiele wurde? Als ein Augenzwinkern darf es verstanden werden, hatte sich Nix doch diesen Titel gewünscht. Der Theatermacher hat in den letzten Monaten bewiesen: Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund.

Das scheint auch das Motto der Eröffnung am Donnerstag im Telfer Rathaussaal zu sein. Während Nix auf der Bühne einmal mehr zur flammenden Rede für mehr Mut zum Spiel ausholt, gibt Bürgermeister Härting offen „Defizite in der Kommunikation“ zu. Und LH-Vize Ingrid Felipe (Grüne) bringt es auf den Punkt: Auch beim Theater gehe es um Aufmerksamkeit. Da seien manchmal eben auch „bad news good news“.

Bad News hagelte es (die TT berichtete) seit Nix’ Kür zum Intendanten: Kurz davor hatte sich der alteingesessene Verein von den Volksschauspielen getrennt – ein unschönes Baba. Mit Verena Covi ist seit Nix’ Einstand im Herbst 2020 die nunmehr dritte Person mit der kaufmännischen Leitung betreut. Kein gutes Zeichen, bis zur Eröffnung schien keine Harmonie in die neu gegründete Theater-GmbH eingezogen zu sein. Damit soll nun aber Schluss sein, bekräftigte Nix im Vorfeld. Und am Eröffnungsabend versicherte er einmal mehr: „Jetzt wird endlich nur noch gespielt!“

Warten die Good News für die Telfer Volksschauspiele also in der ersten Premiere der diesjährigen Ausgabe? Gleich vorweg: So einfach, wie man sich das vorgestellt hat, ist es nicht. Dabei hatte Nix auf eine sichere Bank gesetzt. „Indien“, das tragikomische Stück von Josef Hader und Alfred Dorfer, wurde als Roadmovie 1993 schließlich Kult. Erst letzten Sommer hatten die beiden Kabarettisten den Text für das Open-Air-Kino im Zeughaus erneut hervorgekramt und ihn in Form einer Lesung vorgetragen. In Telfs kommt „Indien“ jetzt an 14 Tagen auf die Bühne des Kranewitter Stadls. 120 Personen haben jeweils Platz, zumindest die Premiere ist ausverkauft.

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Zu sehen ist das Stück einer besonderen Freundschaft, die am Klo beginnt und am Sterbebett endet. „Heinzi“ Bösel (Franz Weichenberger) und „Kurti“ Fellner (Manuel Kandler) wühlen sich hauptberuflich durch ungeputzte Küchen, durchgelegene Betten, von einer Hotelkritik zur nächsten. Eine trockene Angelegenheit – würde der Wirtshausbesuch mit obligatorischem „Schnitzi“ dank Bösel nicht öfter einmal flüssig werden (tolle Livemusik von Christian Deimbacher). Und, welch ein Wunder, Sympathiegrenzen werden aufgeweicht.

Wirklich sympathisch werden die beiden Protagonisten dem Publikum dennoch nie, weder Heinz, den Weichenberger als Wiener Grantler belässt, noch Kurt, der mit Kandler zum rasend pedantischen Tiroler mutiert, dem das Dorfer’sche „Danke, ganz lieb!“ nur schwer über die Lippen kommt. Ja, die meiste Zeit geht es derb zu. Darüber, dass so mancher Spruch schlecht gealtert ist, sieht man in Telfs hinweg. Gelacht wird trotzdem.

Dass das Stück in den 90ern bleiben muss, weiß auch Regisseur Roland Silbernagl – er verlagert das Uralt-Nokia und die Schulterpolster aber nach Tirol, wo es zwischen Platter und Hörl, Tellerlift und Lady-O ungewöhnlich rustikal, ja zotig gerät. Das Gute: Im Klamauk verhallt auch der Schmerz, der mit der Diagnose Krebs für Kurti einhergeht. Sobald das minimalistische Bühnenbild (Ausstattung: Birgit Angele) kippt, kippt auch die Stimmung. Und jeder weiß, „Indien“ endet tragisch – in Telfs mit dem Austeilen einer Parte (auf einem Bierdeckel?) sogar kitschig. Ist das Nix’ Vorstellung vom neuen Volkstheater? Konsequent ist eines: Beschönigt wird hier auch nicht. Es bleibt wirklich nur der Galgenhumor.


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