Fall Larcher: Ein „Schulskandal“, der Tirol den Spiegel vorhielt

Das Museum Absam erinnert an den aufsehenerregenden „Fall Larcher“: wie eine Lehrerin wegen eines kritischen Volksstücks ihren Job verlor.

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„Die Probleme sozialer Außenseiter“ wollte Agnes Larcher – hier mit ihrem Vater – den Schülerinnen vermitteln. Was folgte, war theaterreif.
© Larcher

Von Michael Domanig

Absam – Eine Lehrerin, die im Deutschunterricht ein sozialkritisches Volksstück durchnehmen will – und deshalb binnen 48 Stunden hochkant von der Schule geworfen wird? Was heute schwer vorstellbar scheint, hat sich 1973 in Tirol genau so zugetragen. Am Sonntag ruft das Gemeindemuseum Absam den „Fall Larcher“, über den seinerzeit sogar Zeit, Spiegel oder ZDF berichteten, mit einer Lesung aus Originaldokumenten ins Gedächtnis zurück.

Agnes Larcher (1937–2012), Vertragslehrerin an der Hauptschule Absam, wollte 1973 mit ihren 36 Schülerinnen der 4b-Klasse das Volksstück „Stallerhof“ des Erfolgsdramatikers Franz Xaver Kroetz lesen und besprechen. Ihr Ziel: die „Probleme sozialer Außenseiter“ aufzuzeigen – und die gesellschaftlichen Mechanismen, die solche Außenseiter „erzeugen“.

„Stallerhof“ erzählt hart und ungeschönt von der als geistig zurückgeblieben etikettierten Tochter einer Bauernfamilie, die von einem Knecht schwanger wird. Sie habe beim Lesen das Gefühl gehabt, „als ob mir ein Spiegel brutaler Wirklichkeit vor Augen gehalten würde“, schrieb Larcher später. Aufgewachsen in der Familie eines Südtiroler Tagelöhners, kannte die promovierte Pädagogin die prekären Verhältnisse im kleinbäuerlichen Milieu selbst.

Am 2. Juni verteilte Larcher die Texte zu „Stallerhof“ und dessen Fortsetzung „Geisterbahn“ gegen Erstattung der Kopierkosten an die Klasse – am 4. Juni war sie suspendiert. Ein Lehrerkollege hatte den Direktor alarmiert, dieser die Schulbehörden. Auf Weisung des Bezirksschulinspektors wurden alle ausgegebenen Texte sofort eingezogen.

Larcher habe sich durch die Weitergabe von „nicht entwicklungsgemäßem“, vom Ministerium nicht approbiertem „Lesegut“ einer „besonders schweren Verletzung der Dienstpflichten schuldig gemacht“, begründete das Schulamt die fristlose Entlassung. Die Konferenz der Bezirksschulinspektoren befand das Stück in einer Stellungnahme konkret „wegen seiner sexuellen Vordergründigkeit“ für ungeeignet.

Larcher wehrte sich nach Kräften, erstritt sich die Teilnahme an einer Elternversammlung, erläuterte die Wahl des Stücks in Postwurfsendungen und wandte sich ans Unterrichtsministerium. Für Minister Fred Sinowatz war klar: „Die Schule kann nicht vor der Wirklichkeit sich verstecken.“ Ändern konnte freilich auch er nichts, da es sich um eine Landesschule handelte. Absamer Bürger zeigten Solidarität, Eltern unterschrieben für den Verbleib der Pädagogin – umsonst.

Die heftige Kontroverse zog immer weitere Kreise: Während etwa die Presse von einem Fall schrieb, der zeige, „was ideologisch kranke ‚Kinderverzahrer‘ anrichten können“, und andere Blätter „Kulturbolschewismus“ am Werk sahen, bezogen prominente Künstler von Oswald Oberhuber bis Paul Flora für Larcher Stellung. Aber auch Pädagogen, Germanisten und Theologen verteidigten sie, sogar der berühmte Karl Rahner in einem Brief an die TT. Satte 33 (!) Gutachten beschäftigten sich mit dem Fall.

„Kurzfristig obsiegte die Willkür“, so Larchers späteres Fazit. „Vermutlich war es – langfristig gesehen – ein Pyrrhussieg, weil Lehrer damit die Mechanismen und Koalitionen zu durchschauen lernten, mit denen sie mundtot gehalten werden sollten.“

Die Lehrerin, die danach an der Bundeshandelsakademie in Hall unterrichtete und dort u. a. mit Schüler-Forschungsprojekten zum lokalen NS-Widerstand Pionierarbeit leistete, habe beigetragen, „die Moderne nach Tirol zu bringen“, bilanziert der Absamer Museumsleiter Matthias Breit. Ab Montag ist zum Thema auf www.absammuseum.at auch ein Podcast abrufbar.


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