Entgeltliche Einschaltung

Angststörung Mutismus: Ein stummer Schrei nach Hilfe

„Das legt sich schon.“ Mit diesen Worten werden Eltern, deren Kinder mit niemandem außerhalb der Familie sprechen können, oft vertröstet. Doch manchmal steckt mehr als nur Schüchternheit hinter dem Störbild. Mutismus heißt die Angst vor der Kommunikation.

  • Artikel
  • Diskussion
Etwa sieben von 1000 Kindern fehlen außerhalb der Familie die Worte. Vor allem Mädchen sind von der Angststörung betroffen.

Von Nicole Strozzi

Entgeltliche Einschaltung

Unsere Tochter ist fünf Jahre alt, sie war schon immer ein eher schüchternes Kind. Seit drei Jahren geht sie in den Kindergarten. Im ersten Kindergartenjahr mussten wir sie wieder abmelden, weil sie viel weinte und häufig krank war. Ein Jahr später starteten wir in einem anderen Kindergarten. Sie gewöhnte sich besser daran, aber sie kaute Nägel, drehte Haare und weinte häufig.

Die Pädagoginnen erzählten, sie spiele nicht mit, beobachte nur. Anfangs weigerte sie sich, etwas zu essen oder zu trinken. Auf die Toilette geht sie im Kindergarten nicht. Jetzt, im 3. Kindergartenjahr, „spricht“ sie mit den Lehrerinnen stumm. Sie bildetet die Worte mit dem Mund, bewegt den Mund, aber es kommt kein Ton dazu. Unsere Tochter ist ein kluges Kind. Alle Voraussetzungen für die Schule sind da, aber wenn sie nicht spricht?“

Solche bewegenden Schicksalsberichte, wie jener einer Familie aus Südtirol, erreichen Irmgard und Hans Emmerling wöchentlich. Das deutsche Ehepaar führt seit 25 Jahren in Starnberg ein Mutismus-Beratungszentrum. Die Therapeuten arbeiten mit Kindern, die Angst davor haben, außerhalb der Familie zu kommunizieren. Viele der Familien haben bereits eine Odyssee hinter sich, wurden mit den Worten „Das Kind ist nur extrem schüchtern, das wird sich legen“ besänftigt oder zu Logo- oder Ergotherapeuten geschickt. „Doch das ist nicht der richtige Weg“, sagt Irmgard Emmerling. Betroffene Kinder leiden nicht an einer Sprach- oder Sprechstörung, es handelt sich um eine eigenständige Angststörung.

Noch immer herrsche sehr viel Unwissen über selektiven Mutismus, der sich in unterschiedlichen Facetten zeigen kann. So kann Sozialangst das Störbild verstärken, sagt Emmerling und nennt ein Beispiel: Ein Kind mit Sozialphobie würde nur ungern zu einem Kindergeburtstag gehen, es würde sich an die Eltern klammern. Ein Kind ohne Sozialangst würde gerne hingehen, würde aber dort nichts sagen. Sprechen Kinder auch daheim nichts, so bezeichnet man dies wiederum als Totalmutismus.

Mutismus betrifft ca. 7 von 1000 Kindern, etwa zwei Drittel davon sind Mädchen. Vermutlich ist die Dunkelziffer höher, „da das Interesse für die Krankheit leider noch zu gering ist und es noch immer nicht genügend Therapieangebote gibt“, betont Emmerling. Der Unterschied zwischen Schüchternheit und Mutismus wird meist erst mit Kindergarten-Eintritt sichtbar.

Mehr Informationen:

www.mutismus-therapie.de

„Im Gegensatz zu Mutismus kann ein schüchternes Kind in angstmachenden Situationen seine Bedürfnisse äußern“, erklärt Emmerling. Wenn ein Kind es aber nach sechs bis acht Wochen nicht schafft, seine Bedürfnisse zu benennen, dann sollten Pädagogen und Eltern hellhörig werden. In manchen Fällen kommen Essstörungen hinzu, ein hoher Anteil der Kinder zeigt Aggressionen im häuslichen Umfeld. „Man muss sich vorstellen, die Kinder reden über Stunden nichts, in dieser Zeit passiert viel im Körper, die Stresshormone steigen“, schildert die Therapeutin.

Emmerling ist es wichtig, dass vor allem Kinderärzte dem Thema Aufmerksamkeit schenken. Denn eine frühzeitige Therapie kann den Kleinen helfen, wieder zu kommunizieren. „Ich kenne Fälle, in denen Erwachsene mit 30 Jahren noch bei ihren Eltern zuhause leben und nicht mit Fremden sprechen“, bedauert die Expertin.

Das Ehepaar Emmerling arbeitet mit der Mutari-Methode. In das Konzept fließen verhaltens-, gestalt- sowie spieltherapeutische und im Besonderen lösungsorientierte Behandlungsansätze ein.

Dabei wird immer auf die Stärken des Kindes eingegangen. Die „Muttherapie“ dauert zweimal drei Wochen. Pro Jahr kommen ca. 35–40 Kinder aus der ganzen Welt nach Starnberg. Corona und die Isolation habe zu einer Zunahme der Anrufe geführt. Das zarte Bindeglied zu Pädagogen, das bereits aufgebaut wurde, hätte wieder Risse bekommen. Der Wunsch nach Begleitung sei gestiegen.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung