Mathematikerin Kiesenhofer kalkulierte goldrichtig: Das ist die Olympiasiegerin

Anna Kiesenhofer hat am Sonntag mit einer wahren Meisterleistung österreichische Sportgeschichte geschrieben. Die 30-Jährige holte sich sensationell Olympia-Gold im Radstraßenrennen der Damen. Die Teilzeit-Sportlerin und promovierte Mathematikerin düpierte dabei die Profis.

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Anna Kiesenhofer mit ihrer Goldmedaille. Sie sorgte für eine der bislang größten Sensationen von Tokio.
© GEPA pictures/ Michael Meindl

Tokio ‒ Anna Kiesenhofer ist am Sonntag das Radrennen ihres Lebens gefahren. Nicht bei einer kleineren Rundfahrt wie der Ardeche-Tour, bei der sie ihre zuvor besten Ergebnisse erreicht hatte, sondern bei ihren ersten Olympischen Spielen.

In Tokio feierte sie im Straßenrennen gegen die komplett versammelte Weltelite einen Sensationserfolg. Dank perfekter Taktik und als von der Konkurrenz unbeachtete Teilzeit-Sportlerin feierte die 30-Jährige völlig überraschend einen Solosieg.

Keine der von den Niederländerinnen angeführten Favoritinnen hatte die Einzelkämpferin aus Austria nach deren Attacke gleich nach dem Start als gefährliche Rivalin eingestuft. Doch die Außenseiterin zog bis ins Ziel durch, hatte 50 Kilometer vor dem Ziel des 137-km-Bewerbs noch fast sechs Minuten Vorsprung, ließ rund zehn Kilometer später auch die letzten zwei der vier Fluchtgefährtinnen hinter sich und vollendete den Coup in großartiger Manier. Die Mathematikerin hatte perfekt kalkuliert.

"Selbst das Mastermind hinter meinen Erfolgen"

Die Profi-Fahrerinnen der WorldTour-Teams und Mehrfach-Medaillengewinnerinnen genießen in ihrem Sportleben perfekte Betreuung. Kiesenhofer plant ihre Karriere mit Training, Ernährung, Material und Renneinteilung hingegen selbst. "Ich mache kein Höhentraining und keine großen Trainingslager, ich halte mich an die Grundlagen", gab die an der Universität Lausanne als Mathematikerin lehrende und forschende Niederösterreicherin preis. "Darauf bin ich stolz. Ich bin selbst das Mastermind hinter meinen Erfolgen."

Ihre Kopfarbeit und das Training zu kombinieren, sei eine große Herausforderung, betonte Kiesenhofer. "Das ist die größte Hürde. Ich muss das gut planen, nicht, dass ich nach einem Fünf-Stunden-Training noch harte Mathematik vor mir habe."

💬 Anna Kiesenhofer zu Olympia-Gold

"Es fühlt sich unglaublich an. Ich konnte es nicht glauben. Selbst als ich die Ziellinie überquert habe, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren? Ich hatte die Attacke bei Kilometer null geplant und war froh, in Führung gehen zu können. Davon konnte ich nicht ausgehen, da ich nicht gut darin bin, im Peloton zu fahren. Ich war froh, dass ich nicht zu nervös war, bin einfach drauflos gefahren. In der Ausreißergruppe haben wir mehr oder weniger zusammengearbeitet - das war hilfreich. Ich habe gemerkt, dass ich am stärksten in der Gruppe war, und wusste, ich habe den Anstieg vor der langen Abfahrt. Ich bin ziemlich gut bei Abfahrten, dann war es wie ein Zeitfahren bis ins Ziel."

Für die fordernden Bedingungen in Tokio hatte sie auch die Hitzeanpassung forciert. "Diese Bedingungen liegen mir ohnehin, aber das hat geholfen. Ich habe unter der Hitze nicht gelitten." Sie habe in ihrem Sportlerleben herausgefunden, was das Beste für sie sei, meinte Kiesenhofer.

"Habe alles für ein gutes Resultat geopfert"

Trotz ihrer Uni-Tätigkeit in der Westschweiz nimmt der Radsport einen großen Teil ihres Lebens ein. "In den letzten eineinhalb Jahren war ich völlig auf Olympia fokussiert", erklärte die Weinviertlerin auf der Pressekonferenz. "Ich habe alles für ein gutes Resultat geopfert, das hätte ich auch für einen 25. Platz gemacht. Unglaublich, dass es Gold geworden ist."

National- und Clubtrainer Klaus Kabasser hob die Qualitäten der Olympiasiegerin hervor. "Sie ist mental extrem stark, sie bereitet sich extrem detailliert und gewissenhaft vor. Wenn sie Ziele hat, dann verfolgt sie diese sehr konsequent, nicht umsonst ist sie mit 30 schon Professorin der Mathematik."

Kein Wechsel zu Profi-Team

Kiesenhofer warnte junge Sportlerinnen davor, uneingeschränkt auf Autoritäten zu vertrauen. "Ich habe gemerkt, dass die, die sagen, sie wissen viel, in Wahrheit nichts wissen." Man solle nur wenigen Leuten vertrauen und genau aufpassen, wer das sei. "Diese Zahl ist bei mir sehr begrenzt. Die, denen ich vertraue, stehen mir sehr nahe."

Ihr Leben werde sich durch diesen größtmöglichen sportlichen Erfolg nicht verändern, wusste Kiesenhofer schon in den Stunden nach ihrem Triumph. Sie werde weiter ihren Job ausüben und die Radkarriere so fortführen wie bisher. Und damit nicht in ein Profiteam wechseln. "Aber dieser Erfolg gibt mir sehr viel Selbstvertrauen. So gesehen, werde ich eine andere Person sein." (TT.com, APA)


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