Töchter in Längenfeld getötet: 29-Jähriger zu 20 Jahren Haft verurteilt

Unter dem Einfluss eines akuten Burnouts hatte ein Ötztaler vor dem geplanten Suizid seine kleinen Töchter ermordet. Nicht nur für den Gerichtspsychiater blieb die Tat unbegreiflich. 20 Jahre Haft ergingen.

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Der Angeklagte (29) am Dienstag im Gerichtssaal.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Vier Tage nach Weihnachten hatte letztes Jahr ein Doppelmord im Ötztal ganz Tirol erschüttert. Ein bis dato völlig unauffälliger 29-Jähriger hatte seine kleinen Töchter (neun Monate, zweieinhalb Jahre alt) erstickt, während seine Frau in der Arbeit war. Nachdem die alarmierte Schwester der Kindesmutter das Haus der Familie betreten hatte, fand sie den 29-Jährigen mit aufgeschnittenen Unterarmen vor. „Die Kinder sind bereits im Himmel“, erklärte er der Schwägerin.

Zur Tat zeigte sich der viel beschäftigte technische Zeichner, der in seiner Freizeit auch noch Dienst bei der Rettung versah, sofort geständig – und eröffnete den Ermittlern, dass der erweiterte Suizid, also sein eigener Tod und der seiner beiden Töchter, von langer Hand geplant war. Auf den Tag genau sogar. Zum Tatzeitpunkt war die Kindesmutter nämlich ganztags im Büro. An den Weihnachtstagen zuvor hatten nach den Überlegungen des 29-Jährigen alle Verwandten die beiden Kinder noch einmal sehen können. Noch tags zuvor hatte die Familie einen letzten Skitag unternommen.

📽️ Video | Töchter getötet: 20 Jahre Haft für Vater (Tirol Heute)

„Wollte mit Kindern im Himmel sein“

Für die Familie und Angehörige unbemerkt hatte der Mann kaschiert, dass er schon seit Monaten unter einem akuten Burnout mit einer depressiven Anpassungsstörung gelitten hatte. Schon seit jeher Leistungsträger, in der Schule „Streber“, einer, der zu niemandem „Nein“ sagen wollte, konnte sich der 29-Jährige das Krankheitsbild nicht eingestehen und nach Hilfe suchen.

Als einziger Ausweg erschien nur der geplante Suizid. Warum dieser auch die zwei Kinder eingeschlossen hatte, erklärte Staatsanwalt Florian Oberhofer beim gestrigen Schwurgerichtsprozess am Landesgericht: „Er hatte mit den Kindern viel Zeit im Himmel verbringen wollen – vollkommen stressfrei. Dazu wollte er seine Ehefrau aber auch nicht als Alleinerziehende mit den Kindern zurücklassen, um ihr für die Zukunft ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen.“

Die wirren Gedanken, die aus einem depressiven Erschöpfungszustand rührten, führte so auch Verteidiger Wolfgang Kaseroller weiter: „Für so etwas gibt es keine Rechtfertigung, man kann nur versuchen, Erklärungen zu finden.“

Man kann hier nur versuchen, Erklärungen zu finden. Sie liegen wohl in einer depressiven Erschöpfung.
Wolfgang Kasseroler (Verteidiger)

Diese vermochte selbst der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller nur eingeschränkt zu geben. Er zitierte den österreichischen Kriminologen Franz Liszt: „Die Erscheinungen des Lebens spotten den Erklärungen, die wir dafür haben.“ Auch nach 40-jähriger Praxis könne er jedenfalls sagen, dass es ein Trugschluss sei, dass so eine furchtbare Tat in einem kranken Hirn entstehen müsse, so Haller. Vielmehr habe der Mann in einem extremen Erschöpfungszustand nur noch den Selbstmord als Ausweg gesehen. Als gestandener Mann hätte er zuvor keine Schwäche zeigen können.

📽️ Video | Vater zu 20 Jahren Haft verurteilt

Psychiater Haller verglich dies mit einer vergangenen Serie von Suiziden von Schweizer Top-Managern: „Alle konnten sich das Burnout nicht eingestehen.“ Beim Ötztaler hätte sich dazu „ein verhängnisvoller Heilgedanke“ dazugemischt, dass er auch seine Ehefrau – diese war dem Prozess ferngeblieben – von aller Last befreien wollte. Haller: „Er erklärte, dass er auf die Frau Rücksicht nehmen habe müssen. Diese wäre als Alleinerzieherin überfordert gewesen.“ Ein Fall von eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit. Dazu wurden Geständnis, Unbescholtenheit und der auffallende Widerspruch zur bisherigen Lebensführung als mildernd gewertet. So beließen es die Geschworenen nicht rechtskräftig bei 20 Jahren Haft.

☎️💻 Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie hier Hilfe:

Die Telefonseelsorge ist unter 142 kostenfrei rund um die Uhr jeden Tag erreichbar. Die Beratung ist vertraulich. Mail- und Chatberatung: www.onlineberatung-telefonseelsorge.at

Rat auf Draht: kostenloser Notruf für Kinder und Jugendliche, Tel. 147 (ohne Vorwahl) rund um die Uhr, https://www.rataufdraht.at/

Pro mente: https://promente-tirol.at/de/

Psychiatrische Ambulanz der Innsbrucker Klinik: Tel. +43 (0)50 504 23648

Notaufnahme des MZA, Anichstraße 35, Innsbruck Tel. +43 (0)50 427 057

Psychosozialer Dienst in Hall in Tirol: www.psptirol.org, Tel. +43 (0)52 2354 9 11

Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes: Notruf 144


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