„Der fliegende Holländer“: Schrieb Wagner diesen banalen Fernsehkrimi?

Der neue „Fliegende Holländer“ zum Start der Bayreuther Festspiele wurde mit Buhs für Regisseur Dmitri Tcherniakov begrüßt.

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Ein vokales Wunderwerk in fragwürdiger Inszenierung: Asmik Grigorian als Senta im „Fliegenden Holländer“ der Bayreuther Festspiele.
© Enrico Nawrath

Bayreuth – Der Grüne Hügel ist kaum wiederzuerkennen: Testzelte und Absperrungen, Außengastronomie in Form von Buden und Getränkeständen – und jede Menge Polizei. Letztere erwies sich als teilweise äußerst ungehalten, wenn man etwa ohne Ticket (das am Presseschalter liegt) sein Auto parken möchte (geht nur mit Ticket). Hat man Karte erhalten und Auto abgestellt, bleibt nur noch Zeit für ein hoffentlich resches Weckerl, dieses wird nur mit darin liegender Bratwurst verkauft, sonst gebe es Abrechnungsprobleme. Das Angebot, beides zu zahlen und die Wurst einfach wegzulassen, stößt auf Entrüstung. Also hungrig in den Saal, wo etliche Sessel schick geschmückt sind, als Zeichen, hier nicht zu sitzen – die Hälfte der 2000 Plätze bleiben leer. Trotzdem ist es eng und stickig. Die Nerven bei Teilen des Publikums sind angespannt. Man beobachtet einen halben Tumult, als einem Herrn kurz die Maske verrutscht und sein Hintermann sofort lautstark schimpft.

Ach ja, es gibt auch eine Premiere. Wagners „Fliegender Holländer“, mit Oksana Lyniv am Pult des Festspielorchesters, die erste Frau im Graben, leider mit undankbaren Startbedingungen. Vor allem, weil der Chor aus dem Off singt, auf der Bühne agieren, oft zappelig die Lippen bewegend, keine Statisten, sondern Chormitglieder, die heuer fürs Stummbleiben ihr Geld bekommen.

Die Zuspiel-Akustik ist manchmal täuschend echt, dafür hapert es mit der Koordination derart, dass am Ende Chorleiter Eberhard Friedrich mit seinen Damen und Herren heftige Buhs bekommt. Oksana Lyniv wiederum wird frenetisch bejubelt. Ihr Dirigat ist in zweifacher Hinsicht aufregend. Einmal, da sie oft szenische Musik gestaltet, mit grobkörnigem Pinsel arbeitet, aber doch klangschön herausmeißelt, was Wagner an Stürmen und Drängen in den „Holländer“ gepackt hat. Andererseits fehlt eine übergeordnete Dramaturgie und wenn das Orchester die Solisten überholt, ärgert man sich doch. Das wird sich vermutlich zurechtruckeln und vielleicht gewinnt auch John Lundgren in der Titelpartie noch an Format und Farbe.

Georg Zeppenfelds wunderbar klar timbrierter Daland und Marina Prudenskayas Mary hingegen brauchen keinerlei Luft nach oben, Eric Cutler in der Rolle des ‚anderen‘ Erik gefällt ebenfalls. Der eigentliche Star – wilder Trommelwirbel – ist aber Asmik Grigorian als Senta, ein vokales Wunderwerk voller Kraft, mit in den Höhen hartem, aber nie scharfem Material und fein abgestuften Ton-Emotionen. Szenisch muss Grigorian leider ein dümmliches Teenie-Mädel spielen, das ständig zuckt und den Holländer verzückt. Der kommt in ein Fischerdorf, um Senta zu demütigen. Ihr Vater Daland trieb einst des Holländers Mutter in den Tod. Woher wir das wissen? Regisseur Dmitri Tcherniakov zeigt es zur Ouvertüre. Was das mit dem Stück zu tun hat? Wenig bis nichts. Tcherniakov macht den „Holländer“ zum länglichen Fernsehkrimi. Der Holländer mäht Leute nieder. Ein Schuss fällt, bevor er die Waffe überhaupt hebt. Nicht der einzige Monty-Python-Moment an diesem Abend.

Das von Tcherniakov entworfene Bühnenbild besteht aus fahrenden Dorfkulissen. Die guten Geister hinter der Bühne sieht man des Öfteren. Es knarzt und kracht. Ein umgefallener Tisch lässt sich nicht mehr richtig aufstellen. Dalands Dorfgemeinschaft trinkt Bier, Holländers Mannen starren stumm vor sich hin und lassen sich am Ende in eine müde Rauferei verwickeln. Man tanzt Polonaise und veranstaltet Ringelpiez (ohne viel Anfassen). Die Personenführung ist mit schlampig noch freundlich beschrieben.

Das Ganze wirkt wie eine Hauptprobe. Bei einer solchen hat es, hört man, gebrannt. Am Ende „brennt“ das halbe Dorf (Video und Kunstasche machen es möglich) und der in der Vergangenheit oft so kluge, genaue, tolle Regisseur bekommt wütende Buhs. Schwamm drüber! (jff)


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