„Minari“: Neue Wurzeln schlagen fern der Heimat

Im sechsfach für den Oscar nominierten Spielfilm „Minari“ erzählt Regisseur Lee Isaac Chung von seiner Kindheit in Arkansas.

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Jacob und Monica (Steven Yeun und Han Ye-ri) wollen eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Oma Soon-ja (Yoon Yeo-jeong) soll helfen.
© Prokino

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Minari“ wird im Deutschen „koreanische Petersilie“ genannt. Im gleichnamigen Film von Lee Isaac Chung steht die Pflanze für die koreanische Familie Yi, die im Amerika der 1980er neu anfängt. Der deutsche Verleih-Untertitel „Wo wir Wurzeln schlagen“ spricht überdeutlich aus, was der Film selbst sehr dezent erzählt.

Migration ist selten einfach, auch nicht im Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten. Der neokonservative Ronald Reagan ist gerade Präsident, kürzt Reichensteuern und preist den Leistungsmythos als American Way of Life. In der alten Heimat Korea ist eine brutale Diktatur an der Macht, auch im Amerika-freundlichen Süden der Halbinsel.

Das alles spielt für die beiden Kinder der Familie keine Rolle. Im Gegensatz zu seiner Schwester Anne ist der kleine David schon in Amerika geboren und damit automatisch Amerikaner. Korea kennt er nur über seine Eltern. Er ist das Alter Ego des Regisseurs, der in seinem vierten Film seine eigene Familiengeschichte liebevoll in Szene setzt.

📽️ Trailer | Minari - Wo wir Wurzeln schlagen

Die Eltern Jacob und Monica haben sich zuerst in Kalifornien als Arbeiter in einer Geflügelfabrik versucht. Doch vor allem Jacob will nicht sein ganzes Leben damit verbringen, das Geschlecht von Küken zu bestimmen und die männlichen „auszurangieren“, wie er seinem Sohn erklärt. Er bringt die Familie ins ländliche Arkansas und will auf seinem eigenen Land koreanisches Gemüse anbauen.

Aus dem Garten wird bald eine kleine Farm, doch die Schwierigkeiten lassen nicht auf sich warten. Zudem hat Sohn David ein Loch im Herzen, und Mutter Monica ist nicht sicher, ob der Zukunftsoptimismus ihres Mannes Früchte tragen wird.

Lee Isaac Chung ist mit „Minari“ seit der Weltpremiere und dem Doppelsieg beim Sundance Festival 2020 ein erfolgreicher Weg durch das Pandemiefilmjahr gelungen.

Bei den Oscars war der großteils koreanisch-sprachige amerikanische Film sechsfach nominiert. Gewonnen hat den Goldbuben die großartige Nebendarstellerin Yoon Yeo-jeong, ein Star in Südkorea. Sie bringt als schräge, aber liebevolle Großmutter Soon-ja frischen Wind in das reduzierte Familiendrama.

Der Mut des Regisseurs, die eigene Kindheit zur Vorlage für diesen ruhigen Film zu nehmen, zahlt sich aus. „Es war sehr schwierig, weil ich wusste, dass meine Eltern private Menschen sind. Ich habe ihnen nichts vom Film erzählt, bis er nach dem Dreh im Schnitt war, weil ich Angst hatte, was sie sagen würden.“

„Minari“ ist eine uramerikanische Gründungsgeschichte, wie sie auch in vielen klassischen Western anklingt. Ein Farmer will mit seiner Familie auf seinem eigenen Land in Frieden ein neues Leben beginnen. Dass die Einwanderer 100 oder 200 Jahre später nicht mehr aus der Armut Irlands, Deutschlands oder Österreichs kommen, sondern aus Korea, macht den Film noch nicht zum „Eastern“. Es ist nur ein neues Kapitel in der langen Geschichte des Einwanderungslandes USA.


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