Gestrauchelt, aber nicht gefallen: Schubert greift nach Olympia-Medaille

So gut er mit Speed-Bestzeit in die dreiteilige Qualifikation gestartet war, so hart tat sich Jakob Schubert im Bouldern, ehe er im Vorstieg brillierte. Als Quali-Vierter beginnt im Finale am Donnerstag alles bei null.

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Hätte es am Dienstag schon Medaillen gegeben, wäre Jakob Schubert als Vierter leer ausgegangen. Doch am Donnerstag lebt sein Medaillentraum aufs Neue auf.
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Von Max Ischia

Tokio – Jakob Schubert umklammerte den froschgrünen Topgriff, blickte nach oben – und schrie sich all jene Frustration aus dem schweißnassen Leib, die sich in den drei vorangegangenen Bouldern aufgebaut hatte. Es wollte nämlich so gar nicht laufen für den hochgehandelten Tiroler, zwei Zonenwertungen waren das Höchste der Gefühle. Selbst ein Scheitern in der Qualifikation hing zu diesem Zeitpunkt in der feuchtschwülen Luft über dem Aomi Urban Sports Park in Tokio. Doch, typisch Schubert, als ihm das Wasser bis zum Hals stand, sich die Schlinge bedrohlich eng um seinen Hals zu schnüren drohte, löste der amtierende Vizeweltmeister das finale Boulder-Problem – und war mit einem Schlag bzw. einem Griff zurück.

Schrei der Erleichterung: Jakob Schubert umklammerte das Top des vierten Boulders ...
© gepa walter

Es war gewissermaßen ein Neustart für den 30-Jährigen in der dreiteiligen Qualifikation. Schubert war durchaus rasant in seine Olympia-Premiere gestartet, fixierte im Speedbereich in 6,70 Sekunden persönliche Bestzeit und rangierte damit unter den 20 Teilnehmern auf Platz zwölf. Nach der Zitterpartie im Bouldern, die er schließlich dank des Happy Ends noch auf Rang sieben beendet hatte, kam das Beste nicht ganz unerwartet zum Schluss. Der zweifache Vorstiegweltmeister (2012 Paris, 2018 Innsbruck) ließ sich in seiner Paradedisziplin nicht zweimal bitten, kletterte, als wäre nichts gewesen, und scheiterte nur hauchdünn am Top. An seinem Disziplinensieg änderte dies aber nichts, womit der Mann im roten Trikot die nervenaufreibende Qualifikation mit 84 Punkten auf Rang vier beendete – hinter dem französischen Sensationsmann Mickael Mawem (33), Top-Favorit Tomoa Narasaki (JAP/56) und Colin Duffy (USA/60).

... ehe er im Vorstieg seine Vorzüge ausspielte.
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🧗‍♂️ Wissenswertes rund um die olympische Kletterpremiere

Das Format: Das so genannte „Olympic combined“ setzt sich aus den Disziplinen Speed, Bouldern und Vorstieg zusammen. Das Herren-Finale beginnt am Donnerstag um 10.30. Am Mittwoch steigt die Qualifikation der Damen.

Die Disziplinen:

  • Speed: Hier geht es ausschließlich um die Zeit. Geklettert wird auf einer genormten Wand mit genormten Routen. Die Wand ist 15 Meter lang, fünf Grad geneigt, und zählt 25 Griffe und Tritte.
  • Bouldern: Klettern auf Absprunghöhe. Ein Boulder besteht aus wenigen, aber oftmals technisch oder körperlich anspruchsvollen Zügen. Vier Minuten bleiben pro Aufgabe für die Lösung Zeit. Je weniger Versuche, desto besser.
  • Vorstieg (Lead): Hier sind die Athleten durch ein Seil und einen Sicherungspartner gesichert. Die Athleten haben sechs Minuten Zeit, um im besten Fall das Top der Wand mit den verschiedensten Schwierigkeiten zu erreichen.

Medaillenarithmetik: Die Disziplinen-Ergebnisse der acht Finalistinnen bzw. Finalisten werden miteinander multipliziert. Das erste Olympia-Gold der Geschichte geht an jenen Kletterer, der die geringste Punktezahl aufweist. Zwei konkrete Beispiele: Kletterer A kommt im Achter-Finale auf die Plätze 7 (Speed), 7 (Bouldern) und 1 (Vorstieg). Das bedeutet 7x7x1 = 49 Punkte. Kletterer B belegt die Ränge 4, 4, 4. Das bedeutet 4x4x4 = 64 Punkte. Das heißt, Kletterer A würde im Ranking vor Kletterer B liegen. Disziplinensiege (Multiplikator 1) könnten also buchstäblich Gold wert sein.

„Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin“, versicherte Schubert im Anschluss und sprach von einem Kraftakt – körperlich wie geistig. „Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit setzen einem schon gehörig zu – aber da geht es allen gleich.“ Seinem anfänglichen Anti-Lauf im Bouldern wollte er nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken: „Im Finale kann es wieder ganz anders aussehen.“ Ein Finale, das am Donnerstag ab 10.30 Uhr (MESZ) in Szene geht.

Jetzt beginnt es bei null. Das Finale ist anders, weil man im schlechtesten Fall einen achten Platz holen kann.
Jakob Schubert (Medaillenhoffnung)

Zuvor wird Schubert aber am Mittwoch Jessica Pilz in deren Qualifikation „voll anfeuern“ und psychologische Schützenhilfe leisten. Eine Selbstverständlichkeit im Lager der Kletterer. Selbst wenn es tags darauf um alles geht ...

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Der französische Überraschungsmann Mickael Mawem glänzte an seinem 31. Geburtstag mit dem Sieg in der Qualifikation.
© AFP

In Zahlen

Qualifikation, Endwertung:

1. Mickael Mawem (FRA) 33 Punkte

2. Tomoa Narasaki (JPN) 56

3. Colin Duffy (USA) 60

4. Jakob Schubert (AUT) 84

5. Adam Ondra (CZE) 216

6. Alberto Gines Lopez (ESP) 294

7. Bassa Mawem (FRA) 360

8. Nathaniel Coleman (USA) 550

Qualifikation, Speed:

1. Bassa Mawem (FRA) 5,45 Sek.

2. Tomoa Narasaki (JPN) 5,94

3. Mickael Mawem (FRA) 5,95

12. Jakob Schubert (AUT) 6,70

Qualifikation, Bouldern:

1. Mickael Mawem (FRA) 3T4z 4 5

2. Tomoa Narasaki (JPN) 2T4z 6 7

3. Adam Ondra (CZE) 2T3z 7 11

7. Jakob Schubert (AUT) 1T3z 2 13

Qualifikation Vorstieg:

1. Jakob Schubert (AUT) 42+

2. Colin Duffy (USA) 42+

3. Alberto Gines Lopez (ESP) 41+

4. Adam Ondra (CZE) 39+

5. Nathaniel Coleman (USA) 39+

6. Alexander Megos (GER) 36+


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