Politischer Einfluss gehört zum ORF wie einst das Testbild

Offene Wahl mit einem klaren Favoriten. Am 10. August wählt der Stiftungsrat eine neue Spitze für die Generaldirektion des ORF.

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Dieser Tage zeigt sich offenkundig, dass politische Macht und Einfluss zum ORF gehören wie lange Jahre das Testbild.
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Von Michael Sprenger und Joachim Leitner

Wien – „Größte Medienorgel des Landes“ ist eine seit Jahren sich wiederholende Zuschreibung des öffentlich-rechtlichen ORF. Die dort für Fernsehen, Radio und Internet arbeitenden RedakteurInnen wollen im Idealfall ungestört die Orgel bedienen. Für die BürgerInnen, für die SeherInnen und HörerInnen, denn sie sind quasi die EigentümerInnen des ORF. Die politischen Parteien sehen das anders, vor allem wenn es sich um Regierungsparteien handelt. Sie wollen die Melodie bestimmen, auswählen, was gespielt wird. Seit Jahrzehnten! Daran hat sich auch nichts geändert, seit vom entpolitisierten ORF die Rede ist.

Dieser Tage zeigt sich offenkundig, dass politische Macht und Einfluss zum ORF gehören wie lange Jahre das Testbild. Armin Wolf, Anchorman der ZiB 2, hat im Juli Folgendes getwittert: „Alle fünf Jahr ist es wirklich frustrierend, für den ORF zu arbeiten. Es gibt wirklich spannende Medienleute in Ö. und D. – aber keine:r von ihnen bewirbt sich für die ORF-Generaldirektion, weil allen klar ist, dass der Job politisch ausgedealt wird. Es ist zum Weinen.“

Am 10. August ist es wieder so weit. Seit Wochen wird spekuliert, werden die politischen Freundeskreise aktiv, werden Stiftungsräte eingeschworen. Um den Job bewerben sich 14 KandidatInnen. Fünf davon wurden zum Hearing eingeladen. Aber nur vier davon haben zumindest eine Chance, in einer offenen Wahl auch gekürt zu werden. Harald Thoma, Geschäftsführer der Pocketfilm, ist Außenseiter. Die anderen vier werden einem politischen Lager zugerechnet. Einer davon, ORF-Vizefinanzdirektor Roland Weißmann, wird als Favorit gehandelt. Er gilt als Kandidat der Kanzlerpartei ÖVP. Sie kann im Stiftungsrat auf eine Mehrheit bauen.

Die entpolitisierte Politisierung des ORF

Die Entscheidung, wer künftig als Generaldirektorin oder als Generaldirektor die Führungsfunktion im öffentlich-rechtlichen ORF übernimmt, trifft der Stiftungsrat in einer nicht geheimen Wahl. Mit Beginn der 2000er-Jahre wird im Zusammenhang mit dem ORF das Wort der Entpolitisierung betont – und die Politisierung des ORF beklagt.

Der Stiftungsrat verkörpert diese entpolitisierte Politisierung der wichtigsten Medienorgel des Landes. Dem Stiftungsrat gehören 35 Mitglieder an. Verpflichtet sind die formal weisungsfreien Stiftungsräte, Entscheidungen zum Wohl des Hauses zu treffen. In seiner derzeitigen Form gibt es den Stiftungsrat seit 2001, als das ORF-Gesetz geändert wurde und anstelle des ORF-Kuratoriums das neue Gremium trat.

Offiziell dürfen die Mitglieder keine Politiker sein. Doch fraktionelle „Freundeskreise“ sind üblich und die meisten Mitglieder sind Parteien zuzuordnen. Am 10. August wird gewählt.

Sollte Weißmann im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit bekommen, dann kann man getrost von einer Sensation sprechen. Bei einer Stichwahl hätte Weißmann zwar weiterhin einen Favoritenstatus inne, doch die Nervosität könnte dann am Küniglberg zum Greifen sein. In einer Stichwahl dürfte Weißmann dann wohl auf Amtsinhaber Alexander Wrabetz stoßen. Der leitet den Sender seit 2007. Bei einer Wiederwahl wäre er der am längsten aktive Intendant des ORF. Wrabetz wird der roten Reichshälfte zugerechnet. Er war in der Vergangenheit oft nicht der Favorit, aber glücklicher Sieger. Seine Chancen dieses Mal sind nicht groß, aber intakt.

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Auch deshalb, weil sich mit ORF-Channelmanagerin Lisa Totzauer eine weitere Kandidatin aus dem bürgerlichen Lager der Wahl stellen wird. Sie hat ihre Unterstützer mehr in der schwarzen, weniger in der türkisen ÖVP. Sie könnte Weißmann Stimmen kosten.

Im ersten Wahlgang kann ORF-Technik-Vizedirektor Thomas Prantner wiederum mit den blauen Stimmen im Stiftungsrat rechnen. Bei einer Stichwahl würden diese Stimmen wohl nicht zu Weißmann wandern. Das hat mit dem gestörten Verhältnis der FPÖ zur ÖVP zu tun. Für die über 3000 MitarbeiterInnen und die HörerInnen und SeherInnen wird der Dienstag zum Lostag. Verstimmungen an der Medienorgel nicht ausgeschlossen.

Die Kandidaten

Der Umzug könnte warten

ORF-Manager Roland Weißmann.
© ROBERT JAEGER

Roland Weißmanns Bewerbungskonzept „Lust auf Zukunft“ orientiert sich stark an der von Alexander Wrabetz mit dem ORF-Stiftungsrat ausgearbeiteten „Strategie 2025“. In der Direktionsstruktur setzt er auf Kontinuität: Programm-, Finanz-, Radio- und Technikdirektion bleiben erhalten. Die Information soll – wie bisher – bei der Generaldirektion angesiedelt sein. Bei Beziehen des neuen ORF-Newsrooms am Küniglberg will sich er gegebenenfalls mehr Zeit lassen als Konkurrent Wrabetz. Weißmann (53) gilt als Wunschkandidat der ÖVP. Er begann seine öffentlich-rechtliche Karriere in Niederösterreich. Seit 2020 ist er für die Entwicklung des neuen ORF-Players verantwortlich.

Plattform für Regionales

Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF.
© Thomas Böhm

Der Ton wurde in den vergangenen Tagen schärfer. Sollte es am Dienstag zu seiner Abwahl kommen, wäre das politisch motiviert, unterstrich Alexander Wrabetz am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion. Wrabetz (61) ist seit 2007 ORF-General. Er bewirbt sich neuerlich, weil er die vom Stiftungsrat abgesegnete „Strategie 2025“ fortführen will. Wrabetz’ Bewerbung hat den Titel „Leadership. Die digitale Transformation managen“. Er kündigt die Weiterentwicklung des ORF als Medienplattform an. Inhaltlich verspricht Wrabetz Regionalität. Wenig überraschend: Die Bundesländer-Stiftungsräte könnten bei der Wahl das Zünglein an der Waage sein.

Info-Direktion und TikTok

Lisa Totzauer.
© HERBERT PFARRHOFER

Wie Roland Weißmann begann auch Lisa Totzauer (51) ihre ORF-Laufbahn im Landesstudio Niederösterreich. Auch Totzauer gilt als bürgerlich. Seit 2018 ist sie Senderchefin von ORF 1. Totzauer geht mit dem Konzept „Offen. Relevant. Fortschrittlich“ in die Wahl, das sie auch auf ihrer Website veröffentlicht hat. Darin will sie zeigen, wie sich ein öffentlich-rechtlicher Dienstleister als „digital-native ORF“ neu erfinden könnte – etwa auf TikTok. Inhaltlich will sie – wie ihre Mitbewerber auch – österreichische Formate forcieren, strukturell soll eine neu geschaffene Informationsdirektion die journalistische Unabhängigkeit sichern. Dafür will sie die Radiodirektion abschaffen.

Strategische Bewerbung

Thomas Prantner.
© HANS PUNZ

Thomas Prantner (56) ist derzeit als Technik-Vizedirektor zuständig für die Online-Aktivitäten des ORF. Seine Bewerbung dürfte auch strategische Gründe haben: Er will sich für die Besetzung der ORF-Direktoren im September positionieren. Überschrieben hat der einstige ORF-Öffentlichkeitsarbeiter seine Bewerbung beinahe staatstragend mit „ORF neu: Für Österreich und seine Menschen“. Anders als die FPÖ, zu der ihm beste Kontakte nachgesagt werden, bekennt er sich darin zur Beibehaltung der Rundfunkgebühr. Strukturell sieht sein Konzept keine Radio-Direktion mehr vor, inhaltlich die engere Verschränkung von TV, Radio und Online – nach Vorbild der TVthek.

© APA

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