Späte Anklage für geläuterten Tiroler Neonazi

16 Monate bedingte Haft und 3840 Euro Geldstrafe für einen Tiroler, der über zwei Jahrzehnte der NS-Zeit verfallen war.

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Seit seinem 18. Lebensjahr hatte ein Tiroler der Neonazi-Szene angehört. Zum Prozess war die Glatze Geschichte. (Symbolbild)
© Keystone

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Ein angeklagter Tatzeitraum von 20 Jahren – so etwas ist auch für ein Schwurgericht ein Superlativ. Geschworene am Innsbrucker Landesgericht waren nun mit so einer Anklage konfrontiert. Gerichtet hat sie Staatsanwältin Veronika Breithuber gegen einen Tiroler, der letztlich über zwei Jahrzehnte der NS-Ideologie nachgehangen hatte – ein seltener Fall von Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz.

Dabei trat der Familienvater als völlig Unbescholtener vor die Geschworenen. Nur einmal war er bislang aufgefallen: Als 17-Jähriger hatte er im Jahr 2000 zusammen mit Skinheads einen Urlauber attackiert und dabei mit dem Hitlergruß „Sieg Heil!“ gerufen.

Offen hatte der Minderjährige damals der Polizei erzählt, dass er einen Hass auf Ausländer hätte und einmal eine „White-Power“-Kampftruppe bilden wollte. Gedanken, die den Tiroler ein halbes Leben lang wohl nicht mehr losließen. Im Gegenteil: Glatze und 14 NS-Tätowierungen am ganzen Körper zeugten von der Einstellung. Zu einer Anzeige war es über die Jahre aber offenbar nie gekommen.

Als letzten Dezember dann nach strafrechtlich relevanten Social-Media-Veröffentlichungen der Verfassungsschutz vor der Türe des Mannes und seiner Familie stand, fielen den Beamten sofort NS-Tätowierungen an den Händen des Verdächtigen auf.

Im Haus fanden sich schnell unzählige Devotionalien mit nationalsozialistischem Bezug. So stand in der Küche eine Kaffeetasse mit Sonnenrad. Im Trainings- und Musikraum im Keller stießen die Beamten auf „Blood&Honour“-Schals mit SS-Totenköpfen, nationalsozialistische Fahnen und Polster mit dem Konterfei von Adolf Hitler. Rund um den Massenmörder soll es früher übrigens auch einen Altar mit Kerzen und einer Ausgabe des Werks „Mein Kampf“ gegeben haben. Musikgeschmack: Nationalsozialistischer Black Metal.

Zu Konzerten solcher Gruppen hatte der Tiroler laut Anklägerin Breithuber Interessierte ins Ausland gebracht und bei Bedarf mit passender Kleidung ausstaffiert. Zeiten, die nun anscheinend vorbei sind. Geläutert und teils unter Tränen erzählte der Angeklagte vor dem Schwurgericht von seiner Wandlung. Vom Großvater hatte er die Ideologie noch vor der Jahrtausendwende aufgesaugt – dieser hatte „ihn immer vor den Ausländern gewarnt“.

Die Wandlung vollzieht der Tiroler übrigens seit einiger Zeit auch nach außen. So erschien der Mann mit voller Haarpracht im Schwurgerichtssaal. Seine strafrechtlich relevanten Tätowierungen hat er großflächig mit Puzzleteilen und Vierecken übertätowieren lassen. Und auch der einstige Trainingsraum existiert nicht mehr – er dient nunmehr als Kinderzimmer.

Haftjahre im zweistelligen Bereich wären sonst möglich gewesen. In sieben Fällen der fast zwanzigseitigen Anklage erfolgten unweigerlich Schuldsprüche. Die Strafe orientierte sich aber an der Läuterung des Mannes: 16 Monate bedingte Haft und 3840 Euro Geldstrafe ergingen. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.


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