„Das Bergwerk zu Falun“: Ein weites Land voller staubiger Seelen-Ziegel

Jossi Wieler präsentiert in Salzburg mit Hugo von Hofmannsthals „Das Bergwerk zu Falun“ einen sonderbaren Theaterabend.

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In der grauen Hohlziegel-Wüste. Lea Ruckpaul, Hildegard Schmahl, Edmund Telgenkämper und Marcel Kohler (v. l.).
© Ruth Walz

Von Bernadette Lietzow

Salzburg – Innert Sekunden verdunkelt sich der Himmel und ein heftiger Sturm kommt auf. Das ist noch nicht das Bühnengeschehen, sondern das Wetter an diesem Premierensamstag in Salzburg. Hat man es ins Innere des Landestheaters geschafft, kracht es dort ebenso heftig, und als der Vorhang sich hebt, macht man ein gewaltiges Trümmerfeld aus.

Bühnenbildnerin Muriel Gerstner ist die gestalterische Herrin dieser Verwüstung, die den Seelenzustand des jungen Seemannes Elis widerspiegelt. Nach Jahren der Abwesenheit kehrt jener, gezeichnet vom Verlust seines Vertrauten, des Schiffsjungen Agmahd, in die Heimat zurück, die keine mehr ist.

Vater und Mutter sind gestorben, seine ehemalige Geliebte Ilsebill wurde die Frau eines anderen und ist vom Tod ihres Kindes verbittert. „Mir kehrt das Leben wie ein Wrack sein Eingeweide zu“, legt Hugo von Hofmannsthal seinem Protagonisten in den Mund. Der junge Mann ist gefangen in seiner Verzweiflung; der Elis in der Darstellung des beeindruckenden Marcel Kohler verdeutlicht das, indem er einen der herumliegenden Hohlziegel wie Fesseln anlegt.

Der alte Torbern, eine Art Untoter, der in André Jungs Interpretation Begleiter und auch Verführer ist, drängt Elis, nach Falun zu gehen und Bergmann zu werden.

Die Entscheidung, ein bürgerliches Leben an der Seite von Anna (Lea Ruckpaul), der Tochter des Grubenbesitzers Dahlsjö (Edmund Telgenkämper), zu beginnen oder dem Ruf der mythischen Bergkönigin (Sylvana Krappatsch) zu folgen, fällt zugunsten einer Abkehr vom Irdischen aus. Elis wandelt sich zum „funkelnden Licht“ und wird selbst zum Untoten.

In hohem Maß symbolistisch ist das Stück, an dem sich der selbst sinnsuchende Hugo von Hofmannsthal um 1900 versucht. Dabei stützt er sich auf E. T. A. Hofmanns Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“, die sich mit romantisch-märchenhaften Motiven wiederum um eine wahre Begebenheit dreht: Ein Ende des 17. Jahrhunderts verschollener Bergmann wird fünfzig Jahre später entdeckt – seine ehemalige Braut kann den durch Kupfervitriol Konservierten identifizieren.

Des erst lange nach Hofmannsthals Tod uraufgeführten und in Vergessenheit geratenen Dramas hat sich nun der Schweizer Regisseur Jossi Wieler angenommen, ein ausgewiesener Spezialist für poetische Durchdringungen schwieriger Bühnentexte.

Sein Hofmannsthal-Abend kann jedoch nicht als gelungen gelten, dazu ist das Stück bei allem Bemühen, Bezüge zum Jetzt, zu den Fragestellungen nach Sinn, Identität, auch Glück, herzustellen, zu altbacken. Wielers und des hervorragenden Ensembles Verdienste sind jedoch einige berückend entrückte Momente und Szenenlösungen.

Da tanzt die einzig „Sehende“, die wunderbare Großmutter der Hildegard Schmahl, einen letzten Walzer mit ihrem ans Jenseits verlorenen Enkel. Da windet sich die Anna der Lea Ruckpaul aus ihrer Rolle als Elis’ Liebesopfer, legt das Brautkleid ab und ermächtigt sich selbst. Da zeigt sich Sylvana Krappatschs Bergkönigin als erschreckend kalte Herrscherin über ihre Anderswelt.

Etwas eiliger Applaus für eine seltsame Stückwahl.


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