Pannen und Peinlichkeiten prägen den deutschen Wahlkampf

Sieben Wochen bis zur Bundestagswahl, und es läuft gar nicht rund für Union und Grüne, die hoffen, im Kanzleramt zu bleiben bzw. einzuziehen.

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Am 26. September wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Die Wahl markiert gleichzeitig das Ende der Ära Merkel.
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Von Gabriele Starck

Berlin – Da hat es einiges durcheinandergewirbelt in den vergangenen Monaten – zumindest in den Umfragen, die schon fast täglich anlässlich der nahenden Bundestagswahl in Deutschland publiziert werden. So liegt die seit Jahren auf den dritten Platz verwiesene SPD in der gestrigen Insa-Umfrage für die Bild am Sonntag schon gleichauf mit den Grünen bei 18 Prozent. Die Ökopartei war immerhin im Mai noch ganz vorn gelegen – vor der Union.

CDU/CSU haben in den Befragungen die Mehrheit zwar längst zurückerobert, doch zufrieden könnten sie mit den derzeit 26 Prozent Stimmenanteil nicht sein. 2017 gewannen die Union mit 32,5 Prozent die Bundestagswahl, das schlechteste Ergebnis für sie seit der ersten Bundestagswahl 1949.

Annalena Baerbock verhalf nach ihrer Nominierung zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen ihrer Partei zwar zu einem Höhenflug, allerdings nur zu einem kurzen.
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Doch es sind nicht Parteiprogramme oder der Wettbewerb der Wahlversprechen, die für Auf und Ab in den Umfragen sorgen. Es sind die Schnitzer der beiden aussichtsreichsten BewerberInnen um die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt. Annalena Baerbock verhalf nach ihrer Nominierung zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen ihrer Partei zwar zu einem Höhenflug, allerdings nur zu einem kurzen. Die 40-Jährige bot mit zu spät ans Finanzamt gemeldeten Sonderzahlungen, Ungenauigkeiten im Lebenslauf und plagiierten Passagen in ihrem erst im Juni erschienenen Buch der politischen Konkurrenz jede Menge Angriffsfläche, die auch weidlich genutzt wurde.

Dass die Union die Grünen in den Umfragen schon im Juni wieder überholt hat, liegt auch nicht an deren Spitzenkandidat. Armin Laschet konnte nach dem für sich entschiedenen Machtkampf mit CSU-Chef Markus Söder zwar um ein paar Popularitätspunkte zulegen, doch auch das währte nur kurz.

Armin Laschets Performance als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (NRW) ließ seine Beliebtheitswerte wieder abstürzen.
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Ausgerechnet seine Performance als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (NRW) ließ seine Beliebtheitswerte wieder abstürzen. Laschet hatte immer seine Regierungsverantwortung für das bevölkerungsstärkste deutsche Bundesland als Qualifikation fürs Kanzleramt ins Treffen geführt. Doch sein Umgang mit der Unwetterkatastrophe Mitte Juli, die auch in NRW Dutzende Menschen das Leben kostete, war von peinlichen Bildern vor Schutthaufen und Lederschuhen im Schlamm dominiert – ein souveränes Krisenmanagement sieht anders aus.

Von diesen Pannenserien bei Laschet und Baerbock profitiert der Dritte im Bunde der KanzlerkandidatInnen: Olaf Scholz. Ohne sein Zutun führt er inzwischen die Popularitätsskala an und zieht seine Partei ein wenig mit nach oben in den Umfragen.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kann von den Fehlern seiner KonkurrentInnen profitieren und führt bei den Popularitätswerten.
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Dass die Sozialdemokraten die Grünen am Wahltag noch überholen, will die Ökopartei unbedingt verhindern. Sie ging vergangene Woche in den Angriffsmodus. Mit Ideen wie einem Vetorecht für das Umweltministerium bis hin zu einem Einwanderungsressort brachten sie Union und FDP – ihre möglichen Koalitionspartner nach der Wahl – zum Schäumen. Aber damit geht es wenigstens nicht mehr um Lederschuhe in Schlammpfützen, abgeschriebene Passagen in Politikerbücherln und andere Nebensächlichkeiten. Stattdessen wird über Konzepte für Deutschlands Zukunft nach dem Ende der Merkel-Ära diskutiert.

Armin Laschet: Ein Lapsus jagt den nächsten

In puncto Selbstvermarktung hätte der Kanzlerkandidat von CDU und CSU noch viel zu lernen. Armin Laschet hat in den vergangenen Wochen ein recht unglückliches Bild abgegeben – im wortwörtlichen Sinn. Denn die Fotos und Videosequenzen, die den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten im Unwetterkatastrophen-Gebiet des eigenen Bundeslands zeigen, gingen als Lehrbeispiele für Wahlkampf-Unfälle durch. Da sind einmal die Bilder vom scherzenden und lachenden Landes-Chef, während der Bundespräsident tröstende Worte zu den Katastrophen-Opfern in die Kamera spricht. Oder das Bild vom triefenden Laschet im Regen, bei dem er mehr wie ein begossener Pudel denn ein fürsorglicher Regierungschef aussieht, der Zuversicht und Energie signalisiert.

Doch es sind auch seine Berater, die ihn im Regen stehen lassen. Denn den Kanzlerkandidaten für eine Pressekonferenz vor einem Berg von Schutt zu platzieren, ist keine Botschaft, die überzeugt. Eher schon ein beinahe schon wohltuender Anachronismus in Zeiten der sonst so wohldurchdachten und inszenierten Botschaften ans Unterbewusstsein der WählerInnen. (sta)


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