Alexander Wrabetz: Ära des langjährigen ORF-Chefs geht zu Ende

Seit 2007 stand Alexander Wrabetz an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der Taktiker mit Stärke im Karrieremanagement scheiterte nun an der türkis-grünen Stiftungsratsmehrheit.

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Der langjährige ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz muss seine Amtszeit mit 31. Dezember beenden.
© APA/Schlager

Wien ‒ Seit Anfang 2007 steht Alexander Wrabetz (61) als ORF-Generaldirektor an der Spitze des ORF. Er ist der einzige ORF-Chef, der drei Amtsperioden nacheinander absolvierte, was ihm dank seiner Fähigkeit, auch unwahrscheinliche Allianzen zu schmieden, gelang. Bei der jüngsten ORF-Wahl scheiterte er aber an einer türkis-grünen Stiftungsratsmehrheit und muss den Chefsessel mit 1. Jänner 2022 an Roland Weißmann abtreten.

Wrabetz wurde am 21. März 1960 in Wien geboren. Er wuchs in einem Gemeindebau mit freiheitlichem Elternhaus auf. Während seines Jusstudiums, das er später mit einer Promotion abschließen sollte, agierte er als Vorsitzender der SPÖ-Studentenorganisation VSStÖ. Seine Karriere startete er im Bankenbereich. Nach drei Jahren bei der Sparkasse wechselte er 1987 zur damaligen Österreichischen Industrieholding AG (ÖIAG), wo er 1990 mit kaum 30 Jahren zum Generalsekretär aufstieg. Nach einem Zwischenstopp als Geschäftsführer des ÖIAG-Handelshauses Intertrading wurde er mit 35 Jahren Vorstandsmitglied der Spitalerrichtungsgesellschaft und der damaligen ÖIAG-Tochter Vamed.

Sieg gegen Monika Lindner bei Wahl 2006

Parallel kam er ab 1995 auf einem SPÖ-Ticket ins ORF-Kuratorium (heute Stiftungsrat). 1998 holte ihn der damalige ORF-Generalintendant Gerhard Weis als kaufmännischen Direktor in die Geschäftsführung. Auch Weis' Nachfolgerin Monika Lindner setzte auf ihn. Gegen Sie sollte sich Wrabetz bei der ORF-Generaldirektorenwahl 2006 durchsetzen. Dabei gab er erst kurz vor der Wahl seine Kandidatur bekannt und wurde mit Unterstützung des BZÖ sowie der roten, blauen, grünen und unabhängigen Stiftungsräte gegen die regierende ÖVP-Mehrheit im Stiftungsrat zum ORF-Chef gewählt. Seine SPÖ-Mitgliedschaft legte der Vater dreier Kinder mit Antritt dieser Funktion ruhend.

Bei seiner ersten Wiederwahl im Jahr 2010 wählten dann auch etliche ÖVP-Stiftungsräte mangels Alternativen Wrabetz. 2016 wurde der Opernliebhaber als erster ORF-Chef zum dritten Mal in Folge zum Generaldirektor bestellt. Dabei setzte er sich mit den Stimmen der SPÖ, Grünen, NEOS und Unabhängigen knapp gegen den von der ÖVP unterstützten Kaufmännischen Direktor Richard Grasl durch, der daraufhin das Unternehmen verließ.

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Als Ziel nannte Wrabetz bei Antritt seiner dritten Amtszeit, die Rundfunkanstalt in den nächsten fünf Jahren zu einem Digital- und Social-Media-Haus weiterzuentwickeln. So recht gelingen wollte das bis dato nicht, was auch an fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen lag.

Spar- und Restrukturierungsprogramm

Wrabetz kann als ORF-Chef auf eine solide Bilanz verweisen. Seit der Finanzkrise 2008 fuhr der ORF ein Spar- und Restrukturierungsprogramm, mit dem kräftig Personal eingespart wurde. Millionenverluste, die damals eingefahren wurden, konnte er im Tandem mit seinem Finanzdirektor und späteren Kontrahenten Grasl drehen. Auch in der Coronapandemie steuerte er das größte Medienunternehmen des Landes wirtschaftlich solide durch die Krise. So bilanzierte der ORF im Jahr 2020 positiv.

Der ORF führte unter Wrabetz, der 2015 vom Branchenmagazin "Der österreichische Journalist" zum "Medienmanager des Jahres" gekürt wurde, unter anderem die HD-TV-Ausstrahlung ein, lancierte ORF III sowie ORF Sport +, meisterte eine österreichische Song-Contest-Austragung samt Kosten und baute die TVthek aus. 2018 installierte er Channelmanager für ORF 1 und ORF 2. Publikumsrenner wie die Show "Dancing Stars" oder zuletzt das Revival von "Starmania" funktionierten weiterhin. Die Investitionen in die heimische Film- und Fernsehwirtschaft stiegen zuletzt leicht an.

In Wrabetz' zweite Amtszeit fiel nach langem Hin und Her die Entscheidung, das ORF-Zentrum am Küniglberg in Wien-Hietzing zu renovieren und alle Standorte dort zusammenzuziehen. Auch den daraus resultierenden Verkauf des Funkhauses zog Wrabetz durch. Während Teile des Stiftungsrats Bedenken hatten, ob der sogenannte multimediale Newsroom auch optimal vorbereitet sei, betonte der 61-jährige Taktiker zuletzt wiederholt, dass der Bau zeitlich und budgetär auf Kurs sei und die Mitarbeiter ausreichend darauf vorbereitet seien. Der multimediale Newsroom soll 2022 schrittweise in Betrieb gehen, die vielen gewichtigen Führungspositionen will Wrabetz noch heuer und damit vor der Amtsperiode des künftigen ORF-Generaldirektors vergeben.

Personelle Gegengeschäfte mit der Politik

Dass er dabei nach politischer Farbenlehre vorgehe, verneinte Wrabetz. Jedoch brachten ihn personelle Gegengeschäfte mit der Politik bzw. dem Stiftungsrat des Öfteren Ärger vonseiten der Redaktion ein. So wollte er etwa 2011 Niko Pelinka, den engen Vertrauten der damaligen SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, als seinen Büroleiter beschäftigen. Erst nach mehrwöchigem Protest gegen parteipolitische Besetzungen im ORF zog Pelinka seine Bewerbung zurück.

Zwischenzeitlich war Wrabetz aber auch die Unterstützung der SPÖ nicht gewiss. So zeigten der damalige SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann und sein Staatssekretär Josef Ostermayer phasenweise Lust daran, ihn abzusägen - was nicht geschah. Auch Attacken unter Türkis-Blau auf den ORF, etwa eine laut FPÖ bereits vereinbarte Abschaffung der GIS-Gebühren, überstand der Taktiker mit großer Stärke im eigenen Karrieremanagement.

Das turbulente innenpolitische Jahr 2019 und das hohe Informationsbedürfnis im Zuge der Coronapandemie bescherten den ORF-Sendern und insbesondere ORF 2 hohe Zuschauerzahlen. ORF 1 profitierte unlängst von sportlichen Großevents wie der EURO 2020 oder den Olympischen Spielen von Tokio. Sein Image als Sorgenkind und Abspielort für amerikanische Serienware wurde der Sender dennoch nicht los. Schließlich wandert das jüngere Publikum, auf das ORF 1 schielt, zusehends in Richtung Streaminggiganten und Co. ab.

"Multimediale Public-Service-Plattform" als Ziel

Seit Jahren betont Wrabetz daher, den ORF zu einer "multimedialen Public-Service-Plattform" machen zu wollen, wobei Social Media zur dritten Säule des ORF werden soll. Mit der Präsenz der "ZiB" auf Facebook, Instagram und demnächst auch TikTok bewegt sich der ORF vorsichtig in diese Richtung. Der große Wurf, der in Form des ORF-Players gelingen soll, blieb Wrabetz aber bisher verwehrt.

Dessen Realisierung als auch die Besiedelung des neuen ORF-Campus am Küniglberg samt multimedialem Newsroom wird Wrabetz nun nicht mehr als ORF-Generaldirektor erleben. Die Stiftungsratsmitglieder entschieden sich bei der ORF-Wahl 2021 für Vizefinanzdirektor Roland Weißmann als künftigen ORF-Chef. Wrabetz tritt somit am 31. Dezember 2021 nach 15 Jahren an der Spitze des ORF ab.


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