Experten: Nächste Welle unter Ungeimpften, kein Lockdown mehr

Epidemiologe Gerald Gartlehner sieht eine neue Corona-Welle anrollen, jedoch werde sich diese vor allem unter Ungeimpften verbreiten. Dass wieder ein harter Lockdown kommen könnte, halten er und auch Komplexitätsforscher Peter Klimek für sehr unwahrscheinlich.

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Es steht zwar eine neue Corona-Welle bevor, aber nachdem diese vor allem unter Ungeimpften verlaufen werde seien wohl keine Lockdown-Maßnahmen mehr nötig, schätzen Experten aus heutiger Sicht.
© TT/Falk

Wien – Die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen in Österreich steigt weiter, Infizierte stecken derzeit mehr als eine weitere Person an. Die nächste Welle wird eine Welle unter den Ungeimpften sein, sagte der Epidemiologe Gerald Gartlehner am Donnerstag im Ö1-"Morgenjournal". Er hält ebenso wie der Komplexitätsforscher Peter Klimek eine Überlastung der Intensivstationen für sehr unwahrscheinlich. Großflächige Schließungen werden im Herbst nicht erforderlich sein, sagten die Experten.

Schutzmaßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten werden aber weiterhin notwendig sein. Klimek kann sich Einschränkungen etwa bei Chören, Indoor-Sport oder der Nachtgastronomie vorstellen. Auch eine Ausweitung der 2G-Regel sei denkbar. Generelle Schulschließungen sind epidemiologisch nicht notwendig, sagte der Forscher dem Morgenjournal. Beide Experten gehen davon aus, dass die Zahl der von einer Coronavirus-Infektion genesenen Menschen – mehr als 650.000 hatten sich nachweislich angesteckt – doppelt so hoch ist. Außerdem haben bereits knapp 55 Prozent der Gesamtbevölkerung die volle Coronaschutz-Impfung erhalten.

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Wie viele im Spital landen werden, ist unklar

Wie sich die Pandemie im Herbst entwickeln wird, ist noch unklar. Klimek rechnet jedenfalls mit weniger Spitalsaufenthalten bei gleich hohen Fallzahlen wie bei den vorangegangenen Wellen. Ob dies um den Faktor zwei, drei, vier oder fünf sein wird, hängt von der pandemischen Phase ab, sagte der Forscher. Gartlehner betonte, dass die nächste Welle ungeimpfte Menschen betreffen wird. Die dritte Impfung, also die erste Auffrischung, wird wichtig sein, sagte der Epidemiologe. Diese soll in Österreich im Oktober starten.

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Die Details dazu waren noch unklar. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hatte den Start der dritten Immunisierungen für 17. Oktober angekündigt. Dafür muss jedoch das Nationale Impfgremium seine Anwendungsempfehlung aktualisieren. Das werde passieren, sobald ausreichend wissenschaftliche Grundlagen vorliegen, betonte das Ministerium auf Nachfrage. Mückstein hatte zuletzt gehofft, dass in den nächsten Wochen konkrete Empfehlungen für den dritten Stich vorliegen. "Allerdings wird er keinen zeitlichen Druck aufbauen, da die Wissenschaft Zeit braucht und diese Entscheidungen fundiert, anhand der nötigen Grundlagen getroffen werden sollen", hieß es aus dem Gesundheitsministerium.

Corona-Zahlen steigen weiter, auch mehr Patienten

Die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen in Österreich steigt weiter. Innen- und Gesundheitsministerium meldeten am Donnerstag 850 Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden. Das ist erneut über dem Schnitt der vergangenen sieben Tage (647). Die Sieben-Tages-Inzidenz stieg auf 50,7 Fälle pro 100.000 Einwohner. Nunmehr müssen auch wieder mehr als 200 Covid-19-Erkrankte in Spitälern behandelt werden. 51 Schwerkranke benötigen intensivmedizinische Versorgung.

Die steigenden Fallzahlen werden auch zu einer Neubewertung der Ampel-Schaltung am Donnerstag führen. Das geht aus dem Arbeitsdokument der Ampel-Kommission hervor. Demnach ist zwar die Risikolage für ganz Österreich weiter mit geringem Risiko einzustufen. Allerdings werden die Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg "gelb", also mit mittlerem Risiko bewertet. Das Burgenland verliert seine Grün-Schaltung mit sehr geringem Risiko. Die Bundesländer Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark und Wien erhalten bzw. bleiben "gelb-grün", werden mit geringem Risiko bewertet.

Vor einer Woche mussten österreichweit noch 36 Menschen auf Intensivstationen behandelt werden. Seit Mittwoch kamen drei weitere hinzu, nunmehr sind es 51 Schwerkranke. Insgesamt waren am Donnerstag 203 Menschen hospitalisiert. Vorigen Donnerstag waren noch deutlich weniger – 71 Patienten – in Spitalsbehandlung gewesen. 132 Covid-19-Erkrankte mussten vor einer Woche im Krankenhaus behandelt werden.

📊 Geimpfte Personen in den Bundesländern

Erinnerungen an Sommer 2020 werden wach

Auch vor einem Jahr sind die Infektionszahlen im Sommer angestiegen und eine neue Welle war die Folge. Allerdings waren die Fallzahlen damals noch geringer – am 12. August 2020 gab es 194 Neuinfektionen. Zeitgleich mussten 118 Covid-19-Patienten in Spitälern behandelt werden, davon lagen 25 Schwerkranke auf Intensivstationen.

Am Mittwoch wurden indes österreichweit wieder etwas mehr Impfungen als zuletzt durchgeführt, insgesamt verläuft die Impfkampagne derzeit aber weiterhin schleppend. 37.013 Stiche kamen gestern hinzu. Insgesamt haben laut den Daten des E-Impfpasses 5.371.954 Menschen bereits zumindest eine Teilimpfung erhalten: Das sind 60,1 Prozent der Bevölkerung. 4.926.407 und somit 55,2 Prozent der Österreicher sind bereits voll immunisiert.

Am höchsten ist die Erst-Durchimpfungsrate im Burgenland mit 67,4 Prozent. In Niederösterreich sind 63 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal geimpft, in der Steiermark 60,6 Prozent. Nach Tirol (59,4), Wien (58,3), Vorarlberg (58,3), Kärnten (56,6) und Salzburg (56,5) bildet Oberösterreich das Schlusslicht mit einer Durchimpfungsrate von 55,8 Prozent.

Mückstein überlegt wieder Maskenpflicht an mehr Orten

Derzeit gilt in Österreich an allen Orten des täglichen Bedarfs, also etwa Lebensmittelgeschäften, Öffis, Drogerien oder Apotheken eine Maskenpflicht. Sie könnte im Herbst wieder ausgeweitet werden. Eine allgemeine Indoor-Maskenpflicht werde geprüft, sagte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). "Wir prüfen laufend, ob hier eine Ausweitung notwendig ist", hieß es.

"Wir stehen am Beginn der vierten Welle und gehen von weiter steigenden Zahlen besonders in der kälteren Jahreszeit aus. Wir evaluieren daher regelmäßig die Lage und prüfen genau, welche Maßnahmen gesetzt werden müssen", meinte Mückstein. Die Grundregeln wie Abstand halten und Hände waschen werden uns weiter begleiten, "auch die Maske bleibt eine einfache und effiziente Maßnahme, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen", betonte der Minister. (TT.com, APA)


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